Die rot-grüne Koalition durchlebt derzeit die schwierigste Phase ihrer Geschichte. Deshalb ist es schwer verständlich, dass die Grünen jetzt auch noch ihren beiden erfolgreichen Parteivorsitzenden die Wiederwahl verweigert haben, um mit einer neuen Spitze in die Auseinandersetzung der nächsten Monate zu gehen. Es ist der sprichwörtliche Pferdewechsel mitten im Strom.

Fast könnte man meinen, die Grünen seien so kurz nach ihrem Wahlerfolg von Oppositionssehnsucht getrieben und die Chaos-Partei von einst feiere fröhliche Urstände.

Doch so einfach ist es nicht. Was sich in Hannover zeigte, war weder die Neuauflage alter Strömungskonflikte noch der beginnende Rückzug aus der Regierungsverantwortung. Es war nur ein sehr deutliches Warnsignal der Partei an ihr Establishment. Denn das hat sich in den vergangenen Jahren unter dem enormen Druck des Regierens mehr und mehr daran gewöhnt, die willige Gefolgsbereitschaft der Basis entweder vorauszusetzen - oder einfach zu erzwingen. Wenn es wirklich ernst wurde, beim Kosovo-Krieg oder beim Anti-Terror-Einsatz, wurden Kritiker schnell zu Dissidenten, und die Erpressung geriet zum probaten Mittel innerparteilicher Entscheidungsfindung.

Zwar folgten die Grünen ihrer Führung, wann immer es darauf ankam. Doch die Partei mit den antiautoritären Restimpulsen geriet des Öfteren an den Rand ihrer Selbstachtung - und darüber hinaus. Diesmal scheiterten alle Erpressungsversuche und die Führung selbst - die gewählte Führung versteht sich, nicht der heimliche Parteichef Joschka Fischer - fiel einer misslungenen Strategie und dem aufgestauten Unmut zum Opfer. Mit dem Widerspruchsgeist der Grünen darf wieder gerechnet werden. Eine Führung, die ihre Wahl diesem Impuls verdankt, wird das vielleicht eher beherzigen.

Und dennoch sind es jetzt nicht innerparteiliche Auseinandersetzungen, die den beiden Neuen an der Spitze keine Chance zur Akklimatisierung geben. Quasi aus dem Stand heraus müssen Angelika Beer und Reinhard Bütikofer den grünen Reformanspruch neu formulieren, der in den Wirren des zweiten Koalitionsstarts nahezu unkenntlich geworden ist. Sie werden damit rechnen müssen, dass eine verunsicherte SPD keine Gelegenheit auslassen wird, dem Partner Profilierungssucht anzukreiden. Aber in einer Koalition, deren Vorstellungen und Ziele so unerkennbar geworden sind, ist das ein erträglicher Vorwurf. Wenn sich die SPD auf Reformabstinenz verständigt, liegt die Verantwortung für Erneuerung bei den Grünen. Schwieriger hätte das Entree für die neue Spitze kaum sein können.