Das Bernhardinum in Fürstenwalde erzielte im Lesen 597 Pisa-Punkte. Die Schule ruft Hurra!, sieht sich in der Weltklasse und geht an die Presse. Das Johanna-Sebus-Gymnasium in Kleve kann der Öffentlichkeit sogar 614 Punkte im Lesen melden. Plötzlich schlagen deutsche Schüler die Finnen, die es im Durchschnitt bloß auf 546 Punkte brachten. Die deutsche Öffentlichkeit darf aufatmen: Auch unsere 15-Jährigen erzielen Spitzenwerte – zumindest einige von ihnen.

In diesen Wochen erhalten die Schulen, die an der erweiterten deutschen Pisa-Studie teilgenommen haben, ihre einzelnen Resultate. Und prompt verkünden die Schneewittchen-Schulen im Aschenputtelland voller Stolz ihre guten Ergebnisse. Die vielen schlechten Unterrichtsanstalten, die den deutschen Schnitt in den Keller ziehen, bleiben lieber im Schatten. Werden sie nach ihrem Testergebnis gefragt, wiegeln sie meist ab: Was sagt das schon, wenn nur zwei Dutzend Jugendliche pro Schule am Pisa-Test teilgenommen haben?

Die Schulrückmeldungen stecken voller Tücken. Dennoch erlauben sie Schulen, Eltern und Öffentlichkeit einen Blick in die Zukunft. In wenigen Jahren, so haben es die Kultusminister beschlossen, sollen sich alle deutschen Schulen an Standards orientieren und sich regelmäßigen Tests stellen. Sie sollen sich untereinander vergleichen und über den eigenen Unterricht ins Gespräch kommen. Warum schneiden unsere Schüler mäßig ab, während die Nachbarschule, vielleicht schon die Nachbarklasse bessere Ergebnisse erzielt? Was können wir verändern, um besser zu werden? Nicht nur der Schüler, die ganze Schule lernt und erhält eine Biografie. So zumindest sieht der Idealfall aus.

Sieg dank Elternhaus

In Wiesbaden scheint er bereits Wirklichkeit. Hier glänzt zurzeit die eigenwillige Helene-Lange-Schule, die vor Jahren vom Gymnasium zur Gesamtschule konvertiert ist. Sie ist gewiss keine Bims- und Paukanstalt ist – dennoch hängt sie in den Naturwissenschaften die führenden Koreaner um mehr als ein Schuljahr ab und erreicht gegenüber dem deutschen Durchschnitt in allen Disziplinen einen Vorsprung von zwei Jahren Schulunterricht. Freunde der Gesamtschule fühlten sich bestärkt: Sieg für eine Schule, deren Schüler auch mal wochenlang nur Theater spielen. „Zeit verlieren heißt Zeit gewinnen“, hieß das bei Jean Jacques Rousseau. Bestätigt Pisa nicht seine Maxime?

„Die meisten Interpretationen sind überzogen“, sagt Pisa-Chef Jürgen Baumert. Denn jene Schulen, die jetzt ihre Spitzenergebnisse feiern, würden überwiegend von Kindern aus gut gestellten Familien besucht. Und die Herkunft der Schüler erweise sich als ebenso starker Grund für gute Lernergebnisse wie der Unterricht, sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Dieser soziale Hintergrund jedoch werde bei den Siegesmeldungen häufig ausgeblendet.

Dabei haben die deutschen Schulforscher aus den Erfahrungen der Niederländer und Schweden mit nationalen Schultests gelernt. Dort bekommt jede Schule zwei Ergebnisse: das absolute und ein sozial relativiertes Resultat. Denn eine Schule in einem sozialen Brennpunkt mit vielen Kindern von Zugewanderten ist nicht mit der Lehranstalt in der Beamtensiedlung vergleichbar, deren Kinder zu Hause mit Büchern aufwachsen und private Nachhilfe erhalten. Daher hat die Pisa-Studie das soziale Profil jeder Schule ermittelt. Schüler und Eltern, Lehrer wie Schulleiter mussten Fragebögen ausfüllen. Auf dieser Basis errechneten die Wissenschaftler einen so genannten Erwartungswert, der das zu erwartende Resultat der Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften sowie beim Lesen angibt.

In den meisten Berichten über die deutschen Pisa-Sieger ist von dieser wichtigen Differenzierung allerdings keine Rede. So wundert sich Klaus-Jürgen Tillmann, wissenschaftlicher Leiter der Laborschule in Bielefeld, „dass in keinem Journalistenbericht über unsere Schule der Erwartungswert auftaucht“. Die Schule war darüber nicht traurig, denn ihrem Image hat die Schluderei eher genützt. Ohne Zensuren locker an die Weltspitze titelte die WAZ. Der Tagesspiegel schwärmte vom „Triumph der Struwwelpeter-Schulen“, und die Süddeutsche Zeitung attestierte der Laborschule „Traumnoten“.