Ein Rat für jede Lebenslage

Vielleicht hätte der Kanzler die Rürup-Runde lieber Nadine-Franz-Kommission nennen sollen. Der Darmstädter Professor und Wirtschaftsweise Bert Rürup ist zwar Deutschlands erfahrenster Regierungsberater. Doch besser als er und jedes andere Mitglied der 26-köpfigen Kommission verkörpert die junge Frau das, worum ab Freitag dieser Woche in Berlin gerungen wird. Es geht um Großes: die Zukunft unseres Wohlfahrtsstaates, die Verteilung der Lasten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Gesunden und Kranken, Alten und Jungen – kurzum – die Sicherung der Sozialkassen in Zeiten der schleichenden Vergreisung.

Für Nadine Franz sind all diese Konflikte ganz konkret. Sie ist in der Tarifkommission der Chemiegewerkschaft aktiv, die sie auch zu diesen Beratungen entsandt hat. Im Hauptberuf verbucht die junge Büroangestellte beim Arzneihersteller Schering die Lohnnebenkosten („Das ist ganz schön viel jeden Monat“), also genau die Sozialbeiträge, um die es in der Kommission gehen soll. Und im Gegensatz zu den meisten anderen in der Runde, die die Lebensmitte längst überschritten haben, gehört die 22-Jährige zu der Generation, die es ausbaden muss, wenn die Reform misslingt. Im Jahr 2010, wenn die Bevölkerungspyramide kippt und es mehr Alte gibt, die Geld aus den Sozialkassen bekommen, als Junge, die welches einzahlen, wird Nadine Franz mitten im Berufsleben stehen. Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, wird sie sich auf einen Ruhestand mit 65 Jahren genauso wenig verlassen können wie auf die lebenslange Rundumversorgung der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.

Bert Rürup glaubt nicht an Wunder. Bert Rürup ist Ökonom. Einer, der mit seinen Zahlen und Tabellen seit Jahren vor den Folgen der Überalterung warnt. Bisher allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

Für den früheren CDU-Sozialminister Norbert Blüm hat der Professor den so genannten demografischen Faktor entwickelt, der das Rentenniveau sinken lässt, wenn die Zahl der Rentner steigt. Die SPD protestierte und schaffte den Faktor nach dem Regierungswechsel 1998 wieder ab. Das Problem blieb dennoch bestehen. Daraufhin half Rürup Blüms sozialdemokratischem Nachfolger Walter Riester, die wankende Altersversorgung durch eine weitere Säule zu stützen. Zusätzlich zum klassischen, umlagefinanzierten Ruhegeld, sollen Arbeitnehmer nun privat Kapital ansparen.

Doch auch die Riester-Rente konnte nicht verhindern, dass die Beiträge zur Rentenkasse jetzt wieder steigen. Diesmal protestieren die Grünen. Zu Recht, denn jeder Prozentpunkt bei den Lohnnebenkosten verteuert den Faktor Arbeit und bremst das Wachstum. Um in der Koalition trotzdem Zustimmung für die Beitragserhöhung zu gewinnen, versprach der Kanzler langfristig Besserung: Eine Kommission soll die Rente endlich zukunftsfest machen. Geplant war die Runde allerdings schon vorher. Denn bei der gesetzlichen Krankenversicherung zeichnet sich die gleiche Langfrist-Entwicklung ab. Ein Problem, an das sich SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bisher genauso wenig heranwagte wie ihre Vorgängerin Andrea Fischer von den Grünen.

So also bekam Bert Rürup ein Generalmandat. Er nutzte es umgehend. Noch bevor er die Kommission vorstellte, verkündete er, was seiner Meinung nach geändert werden muss: fast alles. Wenn es nach ihm geht, sollen die Bundesbürger künftig nicht nur länger arbeiten, sondern auch ihre Gesundheit selbst versichern. Die Arbeitgeber zahlen ihren Beitragsanteil dann an die Arbeitnehmer aus und haben mit der künftigen Kostenentwicklung der Krankenkassen nichts mehr zu schaffen. Jeder muss einen Kopfbeitrag berappen – auch Ehepartner, die bisher beim Alleinversorger mitversichert waren.

Alternativ schlägt Rürup vor, die gesetzlichen Krankenkassen zu Grundversorgern gesundzuschrumpfen. Sportunfälle müssten privat versichert, Fruchtbarkeitsbehandlung und Beerdigung privat bezahlt werden. Das Gleiche gilt, wenn sich ein Patient seine Zähne richten lässt. Selbst Kranke, die mit erstattungsfähigen Leiden um Heilung nachsuchen, sollen zur Kasse gebeten werden: Damit die Besuche beim Arzt nicht überhand nehmen, wäre jedes Mal eine Praxisgebühr fällig. Sagt Rürup.