Viele Jahre schnurren in einem scheinbar beiläufigen Satz zusammen. „Ja, der Böll fehlt mir, der Albertz und die Gräfin.“ Könnte man fast melancholisch nennen, diese Bemerkung in dem Brief, in dem Rupert Neudeck ankündigt, seine Frau Christel und er verließen nun die Lotsenbrücke von Cap Anamur, der Hilfsorganisation, die sie vor 23 Jahren gegründet haben. Es komme ihm grausam merkwürdig vor, schreibt Neudeck, „wenn ich den Niedergang der allgemeinen Aufmerksamkeit für Probleme der Habenichtse und Schmuddelkinder beobachte und nicht aufhalten kann“. Dann schickt er die Frage hinterher, ob man zum Jahresende nicht mal eine Philippika halten könnte „gegen diese verlogene Politik, die immer so tut, als ob sie den Armen der Welt hilft, und das Gegenteil macht“.

Sind die „Humanitären“ wie Rupert Neudeck, 1939 in Danzig geboren, und seine vier Jahre jüngere Frau Christel lediglich die Reparaturkolonne der Herrschenden? Jedenfalls nimmt sich die Rollenverteilung so aus, dass die einen Krieg führen oder Terror ausüben und die anderen, die Deutschen Notärzte e. V./Komitee Cap Anamur, sich um die Mühseligen und Beladenen kümmern. Sie bauen die zerstörten Häuser am Amselfeld wieder auf, operieren die Bombenopfer und sammeln unter Lebensgefahr am Hindukusch Minen. Heute ist Cap Anamur ein expandierendes Hilfsgroßunternehmen, das jährlich auf viele Millionen Spendengelder zurückgreifen kann.

Plazet der Warlords in Somalia

Die „Humanitären“ als Reparaturkolonne? Die Neudecks selbst würden sich so nicht bezeichnen. Aber kann man den Irak-Krieg verhindern? Leider kaum zu glauben. „Hic Rhodos, hic salta!, im Leben ist es meist so, dass man repariert“, sagen sie.

Die Neudecks sind hauptberuflich Feuerwehrleute geworden. Seit der ersten Ausfahrt des Hilfsschiffes in Richtung Chinesisches Meer, wo sie 1979 bald zehntausend vietnamesische Boat-People einsammelten, haben die Fakten Prioritäten gesetzt. Lange fackeln – das geht in dieser Branche nicht. Politik dagegen heißt: Organisation, Bürokratie, Langsamkeit. Das sei ihm „noch fremder geworden“, sagt Neudeck. Seine Leute, Ärzte ohne Grenzen, transportieren im Ernstfall Medikamente ohne Genehmigung, sie überschreiten die Demarkationslinien im Sudan ohne Visum und warten nicht auf das Plazet der Warlords in Somalia.

Auf diese Weise, kein Zufall, haben die Neudecks manche Konfliktherde kennen gelernt, die später als schwarze Löcher der globalisierten Welt oder als Terror- und Al-Qaida-Herbergen galten: Somalia, Sudan, Afghanistan, Nordkorea. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns? Den Satz gab es nie für sie. Sie standen immer nur auf der Seite der Opfer oder derjenigen, die sie für anständig hielten. Aus dieser Sicht erscheint Politik oft als Barriere, gegen die man anrennen muss. Politik ist für die Neudecks gleich UN, Bundeswehr, KFor – die träge Welt der Regeln.

Eine Gegenwelt zu dieser Arena mit ihren gestanzten Formeln und Sicherheitsvorschriften, mit Parteien, Ressorts, mit links und rechts offenbarte sich immer wieder in den Gesprächen. In der einen Welt brauchte es den Mut, sagt Rupert Neudeck, der in der anderen ausgetrieben werde. Wenn es gefährlich werde, dürfe die Bundeswehr nicht bleiben. Oder sie fliege das eigene Trinkwasser ein. Im tiefsten Inneren, mutmaßt der Bußprediger, fühlten wir Europäer uns beleidigt, wenn sich erweist, dass beispielsweise die Afghanen einfach couragierter und tüchtiger seien, Reis pflanzten, obwohl nicht bekannt ist, wo sich auf den Feldern Minen verbergen, Schulen wiederaufbauten, nach Bildung hungerten.

Geplant war nichts. Als die Neudecks – nachzulesen im Buch Die Menschenretter von Cap Anamur (C. H. Beck Verlag) – im Jahr 1979 begannen, geschah das spontan. Die Sozialpädagogin und der Journalist: Aus der Cap Anamur, dem gecharterten Schiff zur Rettung von Vietnamesen, ist eine Organisation geworden, die – mit minimalem Personalaufwand – in vielen Weltteilen hilft. Nie mit Geld, sondern mit Ärzten, Fachleuten, Medikamenten, Jeeps, Lkws, Nahrung. Mit Mut, Erfahrung und gelegentlich immer noch mit Dilettantismus. Zahllose Spender haben mit kleinen und kleineren Beträgen jährlich zig Millionen dafür zusammengetragen.