Ein sehr graues Schwarzweißfoto bedeckt den Umschlag von How They Do It. Es zeigt ein paar Kabel und Kisten auf dem Boden – das übliche Durcheinander zu Füßen eines auf elektrische Verstärkung angewiesenen Musikers. Der Schmuddel wird manche Käufer abschrecken. Andere werden sich am englischen Titel stoßen: Aber wäre „Wie sie es tun“ nicht doch zu schlüpfrig gewesen?

Nun, hier liegt ein bewusster, fast koketter Gegenentwurf zum lauten Bestseller vor. Vom ersten Bild und Wort an signalisiert der Autor: Weder um Hupfdohlen noch um Dieter Bohlen wird es ihm gehen, sondern um gute Musik abseits industrieller Erlöse. Das Kriterium für Qualität soll aber nicht die Erfolgslosigkeit einer Musik sein (die ja leicht zu messen wäre), sondern ihre Ästhetik (über die sich streiten lässt).

Wer das Buch in der Mitte aufschlägt, wird von zweierlei Sorten Fußnoten begrüßt, die miteinander konkurrieren und auf einigen Seiten mehr Raum einnehmen als der eigentliche Text. Hinten findet sich noch ein dreiseitiges Verzeichnis mit Hunderten klein gedruckter Namen (wie überhaupt das ganze Buch recht klein gedruckt ist). Wissenschaftlich-wichtig tut all dies, man spürt einen Anflug von Unlust.

Aber wer den Index studiert, hat dann doch Spaß: Louis Armstrong und Walter Benjamin, James Brown und John Cage, Nena und The Notwist, Michael Nyman und Nam June Paik, Karlheinz Stockhausen und Johann Strauß, Klaus Theweleit und Sven Väth… Die Skepsis des Lesers kapituliert vor der Chuzpe des Autors.

Das Buch beginnt auf seiner dritten Seite wie ein Kinofilm; in die schon anlaufende Handlung werden noch Titel (S. 5), Verlagsangaben (S.6) und Inhaltsverzeichnis (S. 9) eingeblendet. Bis dahin hat der Autor seinen Ton gefunden.

Felix Klopotek, 28, lebt in der Elektronikstadt Köln, wo er ein kleines Plattenlabel namens grob betreibt. Er schreibt für die Musikfachblätter spex und Jazzthetik , aus seinen Kritiken ist dieses Buch über „Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik“ entstanden. Free Jazz? Als der Autor 1974 geboren wurde, war das schon Vergangenheit. Als der Autor in den Kindergarten kam, brach der Punk aus. Zwei Befreiungsbewegungen vor seiner Zeit – aber er erlebte eine dritte: wie sich die Töne von den Trägern lösten. Musik aus Musik – Klopotek sieht im DJ- und Sampling-Wesen Improvisation und Rebellion wiederkehren. So wie der Free Jazzer den vorgeschriebenen Wechsel der Harmonien überwand, kann der Discjockey das sture Plattenwechseln hinter sich lassen.

Auf dem Höhepunkt seines Buches porträtiert Klopotek das vierköpfige Institut für Feinmotorik in Bad Säckingen im Schwarzwald, das auf seiner im Frühjahr 2002 erschienenen CD penetrans acht Plattenspieler zum Klingen bringt, aber nicht eine Platte. Das Abspielgerät selbst wird gespielt, wie ein Instrument, wie eine kontinuierliche, stufenlos verstellbare drum-machine. Gummibänder und Haushaltsgegenstände helfen dabei.

Genüsslich schildert Klopotek, was mit penetrans geschah, als der Wiener DJ Dieb 13 den Auftrag bekam, einen Remix der CD anzufertigen: „Er steckte die CD in einen CD-Player und schüttelte ihn einfach. Das Ergebnis nahm er auf.“ So geht es also zu in der musikalischen Avantgarde. Und was wurde aus dem Remix? Er wurde veröffentlicht. Und ein Rezensent des Londoner Kultblattes Wire habe – „in Unkenntnis der Arbeitsweise“, so Klopotek – das Werk als „brilliant stotternd“ empfunden.