Bücher über die Geschichte des Islam handeln gewöhnlich vom Aufstieg und Niedergang – in dieser Reihenfolge. Essad Beys Allah ist groß dagegen spricht im Untertitel vom Niedergang und Aufstieg der islamischen Welt. Darin sind schon bei zwei Merkmalen des Buches, das 1936 erstmals erschien, angedeutet: Es irritiert, und das ist wunderbar. Es enthält kapitale Irrtümer. Aber das ist nicht so schlimm.

Zu den Irrtümern später, beginnen wir mit der Irritation. Da ist dieser Autor, Essad Bey, der eigentlich Lev Abramovic hieß, sich auch Leo Noussimbau nannte, sein berühmtestes Buch aber, den Roman Ali und Nino, unter dem Pseudonym Kurban Said herausgebracht hat: ein Jude, der zum Islam konvertierte und doch zeitlebens der jüdischen Welt verhaftet blieb; ein Muslim, den seine Berliner Glaubensbrüder als „jüdischer Geschichtsfälscher“ beschimpften, obwohl er den Islam bis zum Tode ernst genommen und gelebt hat; ein Europäer, der als Jude 1942 in den Tod getrieben und als Muslim im italienischen Positano begraben wurde, betrauert von John Steinbeck, Gerhart Hauptmann und dem größten Teil der Dorfbevölkerung, die vor den Behörden die jüdische Herkunft des staatenlosen Muslimen schwejkisch verschleiert hatte.

Als böte seine Biografie nicht genug an ungewöhnlichen Konstellationen, hat der muslimische Konvertit Allah ist groß ausgerechnet unter Mitwirkung von Wolfgang von Weisl verfasst, einem führenden zionistischen Funktionär und Anhänger des militanten Revisionisten Wladimir Jabotinsky. Wie es zu der Zusammenarbeit des ungleichen Paares gekommen ist, muss auch Gerhard Höpp in seinem biografischen Essay, das dem Buch nachgestellt ist, offen lassen.

Einen Reim kann man sich auf die Zusammenarbeit dennoch machen, denn um Beys Interpretationen zu folgen, muss man nicht viel vom Islam halten: Das Buch lässt kaum ein Stereotyp aus, das zwischen Luther, Karl May und Karl-Heinz Bohrer zu finden ist – der Islam als Religion von Schwert und Gesetz, als fatalistisch, aggressiv und vernunftfeindlich, der Islam als barbarische Wüstenreligion –, nur dass Bey den Islam just aufgrund jener Charakterisierungen, die gewöhnlichen Muslimen wie Islamwissenschaftlern die Haare zu Berge stehen lassen, liebt.

Beys Islam ist nämlich ist nichts anderes als der schiere Fundamentalismus, der außer der nackten Schrift nichts gelten lässt und das spekulative Gebäude der Theologe ebenso wie die subjektive Empfindungswelt der Mystik und die Vernunftgläubigkeit der Philosophie als Abkehr von der reinen Lehre brandmarkt, ein Islam, der alle zeitbedingten Anpassungen und religiösen Strömungen, alle zivilisatorischen Errungenschaften etwa der Architektur oder der Poesie als Zeichen des Verfalls herabwürdigt und die Religion auf einfache, harte Grundregeln reduziert. Nicht weil er barbarisch war, habe der Islam dem Ansturm Europas nicht standgehalten, sondern weil er „aufhörte, barbarisch zu sein“.

Nur drei Dinge müsse der Muslim beherrschen, alles andere ist schädlicher Überfluss, belehrt uns Bey mit unverhohlener Faszination: „Krieg führen, Koran lesen und beten.“ So ist es denn auch ausgerechnet das saudische Königreich mit seinem geistigen Urvater Mohammed Abd al-Wahhab, in dem Bey die Keimzelle zu entdecken glaubt für einen neuen, unverfälschten und einfachen Islam, der sich aus der Asche der dekadent gewordenen Weltreiche erhoben habe.

Die Ursprünge solcher Militär- und Wüstenromantik liegen nicht in Mekka, sondern verweisen auf den Kulturskeptizismus des frühen 20. Jahrhunderts, auf die Adepten Nietzsches und den Vitalismus, auf Ernst Jünger und Oswald Spengler; kein Zufall, dass Bey politisch den extrem antibolschewistischen Kreisen unter Deutschen und russischen Emigranten nahe stand. Wahrscheinlich 1905 in Kiew geboren, war er mit dem Vater vor den heranrückenden Bolschewiki aus dem damals polyglotten Aserbajdschan geflohen. Nach einer Odyssee durch den halben Orient gelangten sie über Rom und Paris 1921 nach Berlin. Beys Spezialgebiet war der Islam, den er vier Semester lang studiert hat, als exotischer Kolumnist der Literarischen Welt und junger Starautor war er so etwas wie der Scholl-Latour seiner Zeit, wie dieser mit einem Gespür für gut gehende Klischees, aber doch ungleich kenntnis- und nuancenreicher. Vor allem war Bey ein glänzender, ein mitreißender Stilist.