Über all die Events, zu denen die Museen heutzutage verpflichtet werden oder sich verpflichtet fühlen, wird allzu leicht vergessen, dass in den Dienstverträgen der Museumskustoden diesen als Pflicht auch die wissenschaftliche Erforschung der ihnen anvertrauten Kunstwerke aufgetragen ist. Der Höhepunkt, den eine solche wissenschaftliche Betreuung erreichen kann, besteht in einem wissenschaftlichen Katalog der Bestände. In ihm werden die Ergebnisse eines lebenslangen forschenden Umgangs mit den Objekten, mit den Restauratoren, mit den interessierten Wissenschaftlern aus aller Welt, mit allen Schriften, welche die Werke im Museum behandeln, gesammelt und zusammengefasst.

Die Alte Pinakothek zu München gehört neben den Kölner,den Düsseldorfer Sammlungen oder dem Frankfurter Liebieghaus zu den deutschen Museen, die dieser Aufgabe einer wissenschaftlichen Katalogisierung umfassend nachgekommen sind. Jetzt ist mit dem Katalog der Flämischen Malerei des Barock, den der zuständige Kustos Konrad Renger erarbeitet hat, eine der wichtigsten Abteilungen dieses Hauses auch für ein größeres Publikum wissenschaftlich erschlossen. Im 19. Jahrhundert kam es zu der glanzvollen Sammlung von Flamen, nachdem die Bilder aus den verschiedenen Zweigen der Wittelsbacher Dynastie in München zusammengezogen worden waren. Der Katalog beschränkt sich auf die nicht ganz zweihundert ausgestellten Werke, deren Hauptbestand durch die über sechzig Werke des Peter Paul Rubens bestimmt wird. Aber auch Anton van Dyck und vor allem Adriaen Brouwer sind in der Abteilung hervorragend vertreten.

Der Katalog der Flamen bewegt sich etwas weg von der trockenen wissenschaftlichen Berichterstattung der bisherigen Kataloge. In Text und Ausstattung kommt er solchen Laien entgegen, die eine Lektüre anspruchsvoller Kommentare nicht scheuen. Die Gemälde sind zumeist farbig, oft auch ausschnittweise hervorragend abgebildet; hinzu kommen zahlreiche Röntgen- und Infrarotaufnahmen. Die behandelten Werke werden nicht nur in ihrem materiellen Zustand beschrieben, sondern es werden, eingehender als üblich, auch die Themen und ihre biblischen, mythologischen oder literarischen Quellen und deren ikonografische Umsetzung zu moralischen, politischen oder existenziellen Botschaften erläutert. Aber auch die stil- und kunstgeschichtliche Stellung, Datierung und Ableitung werden diskutiert.

Vorangestellt sind Würdigungen der Künstler, die ebenfalls nicht nur ein Datengerüst, sondern auch eine Charakterisierung des Gesamtwerkes bringen. So heißt es etwa von Adriaen Brouwer: „Sein Frühwerk steht thematisch noch in der im 16. Jahrhundert verbreiteten Tradition christlicher Lasterikonographie, den Darstellungen von Zorn, Völlerei, Faulheit. Diese christlichen Todsünden weichen in den späteren Wirtshausszenen der Schilderung allgemein menschlicher Verhaltensweisen und seelischer Befindlichkeiten wie den Affekten Zorn, Freude oder Schmerz. – Seine Maltechnik mit subtil abgestufter Farbkomposition und teilweise hauchdünnem, transparentem Farbauftrag reicht an die Qualität des bedeutendsten holländischen Genremalers Jan Vermeer heran. Nur allgemein ist eine Entwicklung vom grell- und vielfarbigen Frühwerk zum eher monochromen Spätwerk feststellbar.“ Mit solchen Vorgaben geht der Leser gern die Sammlung der über sechzig Bilder Brouwers durch.

Den Schwerpunkt des Katalogs bildet das Werk des Peter Paul Rubens, von dem die Alte Pinakothek Hauptwerke aus allen Phasen seiner Entwicklung besitzt. Nur noch in Madrid und Paris bekommt man Rubens so umfassend zu sehen. Eine hoch spezialisierte internationale Forschung war bei der Bearbeitung zu berücksichtigen. Fast jedes Bild stellt ein Universum für sich, ein eigenes Problemfeld dar, sei es, was die Datierung, sei es, was die Ikonografie oder sei es auch, was die Zuschreibung, die Authentizität angeht. Noch wissen wir zum Beispiel nicht, was Rubens mit einem seiner berühmtesten und herrlichsten Bilder, mit dem Raub der Töchter des Leukippos, eigentlich gewollt hat; ob nicht, wie man in letzter Zeit behauptet hat, ein „Raub der Sabinerinnen“ gemeint ist. Das eine oder andere beliebte Bild wird vom Katalog dem Meister ferner gerückt, so das Bild, das „Rubens mit seiner zweiten Frau im Garten seines Hauses“ zeigt, das noch kürzlich mythologisch als Vertumnus und Pomona überhöht wurde, das aber jetzt als Werkstattbild eingestuft wird. Aber auch Detailfragen können erhellend sein. Dass Rubens’ Ehefrau Isabella in der „Geißblattlaube“ nicht hockt, sondern kniet, wird hier wohl zum ersten Mal so gesehen; dass er zu dieser Gelegenheit ein Schwert bei sich führt, bleibt merkwürdig.

Unter den Landschaften kann die „Polderlandschaft“ nicht mehr so heißen, weil es sich um eine natürliche Landschaft handelt; die bekannte „Landschaft mit Regenbogen“ ist endgültig eine Kopie nach einem Bild in der Wallace Collection in London. Die Jagdbilder erschließen sich neu, seitdem Renger vor einigen Jahren eine herrliche Vorskizze zur Löwenjagd hinzuerwerben konnte. Mit den Skizzen zum Medici-Zyklus bekommt der Leser ein Kompendium herrscherlicher Ikonografie des Barock geboten, aber hier auch eindringliche Hinweise auf die künstlerische Genesis, die von ersten Zeichnungen und Detailstudien über komplette Ölskizzen, die in sich wiederum Umstellungen aufweisen, bis zur Endfassung einen einzigartigen Einblick in den Schaffensprozess geben.

Eine Besonderheit der Bilder Rubens’ sind die zusammengestückelten Bildträger, die hier, wie es schon die Londoner Kataloge getan hatten, durch beigegebene „Brettschemata“ anschaulich gemacht werden: Die Holztafeln bestehen oft aus vielen, manchmal recht schmalen Leisten und kleinen Klötzchen; nicht selten hat Rubens ein „Kernstück“, das er bereits bemalt hatte, später ringsum erweitern lassen, um die Komposition zu ergänzen. Ein Berliner Restaurator hat einmal gemeint, daraus ginge zum einen hervor, dass Rubens einen sehr guten und fügsamen Schreiner zur Hand hatte, der ihm die vielen Bretterreste zusammenleimte, zum andern aber beweise es, dass Rubens, den wir uns gern großzügig und schwelgerisch vorstellen, ein sehr sparsamer Mann gewesen sein muss. So erschließt dieser Katalog, wie umsichtige Wissenschaft oft, immer auch wirkliches Leben.