Der Brief klingt mürrisch. „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders dankbar bin, dass Sie mich zu dieser Jahreszeit hinter diesem verdammten Dendrobium herjagen“, schreibt Wilhelm Micholitz im Jahr 1914 an den Pflanzenhändler Frederik Sander. Und wünscht dem als Orchideenkönig berühmt gewordenen englischen Kaufmann, er möge einmal am eigenen Leib verspüren, was es heißt, in Birma herumzuklettern, um die vermaledeiten Dinger zu finden.

Micholitz hätte genauso gut Pelztierjäger sein können, denn er suchte Orchideen für Geld. Sein Kollege Paul Hermann dagegen, der 1672 für die Vereinigte Ostindische Kompagnie nach Sri Lanka segelte, war Pflanzensammler aus Leidenschaft. Der 26-jährige Arzt sollte die Mitarbeiter der Gewürzhandel treibenden Kompagnie von Ruhr, Malaria, Blattern und Pocken kurieren. Eine fast aussichtslose Aufgabe und keine, die dem Talent Hermanns entsprach. Er versorgte viel lieber europäische Botanikfreunde mit Saat und Herbarmaterial aus dem ehemaligen Ceylon. Nicht die namenlosen Soldaten, die an Ruhr krepierten, machten ihn berühmt (berüchtigt), sondern seine Pflanzensammlungen. Man belohnte ihn mit einer Berufung an die Universität von Leiden, wo er die letzten 15 Jahre seines Lebens den berühmten, von Clusius gegründeten Hortus academicus leitete.

Pflanzenjagd ist eine Gier, die Menschen in alle Ecken der Welt treibt. Allen voran die gartenversessenen Engländer. Aber auch Deutsche waren unterwegs, das Universalgenie Alexander von Humboldt in Südamerika, der Weinhändlersohn Georg Schweinfurth in Ägypten, wo er unter anderem Reste von Kulturpflanzen aus den Pharaonengräbern barg. Oder Philipp Franz von Siebold, der blaue Hortensien, spitzblättrige Ahorne, Ulmen und romantische Paulownien aus dem bis 1853 abgeschotteten Japan nach Europa brachte und damit unser Landschaftsbild eindrücklich veränderte. Kej Hielscher und Renate Hücking, beide Journalistinnen, haben acht wunderbar lesbare Porträts von deutschen Pflanzenjägern geschrieben und in einen liebevoll gestalteten, romangroßen Band gestellt – eine Kette von Lebensbildern, die nicht nur über botanische Leidenschaften berichten.

Denn Pflanzenjagd war Abenteuer, Härtetest, die Herausforderung des kernigen Mannes oder – in Einzelfällen – der kernigen Frau. Und so gesehen viele Geschichten wert, Reiseberichte von Pflanzenjägern gehörten zu den Erfolgsposten des Buchhandels. Für die Globetrotter waren sie die Krönung einer abgeschlossenen Expedition. Man stritt um die Veröffentlichungsrechte und fabulierte die Sensation. Eines der populärsten Bücher wurd der Roman über das Leben der 1821 geborenen Amalie Dietrich, einer Handwerkertochter und botanischen Autodidaktin. Eine kleine Frau, die ihren Unterhalt mit dem Anfertigen von Herbarien verdiente und sich 1863 nach Australien einschiffte. Dort sammelte sie zehn Jahre lang Naturalien, vom Eingeborenenspeer über den Aborigineschädel bis zur Euphorbie alles. Die Funde schickte sie nach Hamburg, wo der Großkaufmann Godeffroy einen schwunghaften Handel mit Exotismen trieb. Amalie Dietrich hat sich nicht um wissenschaftliche Ehren bemüht, die zahllosen, von ihr entdeckten Pflanzen benannten und bearbeiteten andere. Trotzdem wurde sie berühmt. Ihre Tochter, Charitas Bischoff, schrieb eine herzzerreißende Biografie der Mutter, einen Bestseller, der bis in die siebziger Jahre immer wieder aufgelegt wurde – und der über weite Strecken erfunden ist. In dem Band von Kej Hielscher und Renate Hücking finden wir nicht nur ein Porträt der Amalie Dietrich, sondern endlich auch eine Recherche dessen, was wirklich dran war an ihren Abenteuern.