SachbuchAlles fließt – sogar zum Guten

Der Naturschützer Josef Reichholf kämpft gegen den Pessimismus seiner Zunft von Reiner Klingholz

Haben Sie sich auch schon einmal gewundert, warum Sie trotz Klimakatastrophe, Rinderwahnsinn oder Ölpest immer noch ein beschauliches Dasein führen? Warum der Wald dem Waldsterben trotzt und der Mensch Acrylamid und Nitrofen? Dann sind Sie nicht allein. Sogar Experten wundern sich.

Björn Lomborg beispielsweise, ein dänischer Statistiker. Der hat ein dickes Buch mit dem Titel Apokalypse – No! geschrieben. Darin versucht er nachzuweisen, dass die düsteren Prophezeiungen der Warner Humbug sind und sämtliche Umweltschützer irren. All ihre Anklagen zielten ins Leere, denn der Zustand der Welt verbessere sich ständig. Und als wolle er damit seine Argumente stützen, vergisst der Autor nie zu erwähnen, dass auch er sich um die Umwelt sorge, ja sogar einmal Mitglied von Greenpeace gewesen sei.

Die falschen Propheten, ein neues Buch aus der Feder des Münchner Biologen Josef Reichholf, zielt in die gleiche Richtung. Auch er warnt davor, den Experten der Zukunft, beispielsweise den Klimaforschern, Glauben zu schenken. Diese Zunft von Panikmachern habe die westliche Gesellschaft „ökologisiert“. Als Götzen der Moderne beschwöre sie den Zusammenbruch des Weltklimas, der gesamten Natur, die Apokalypse schlechthin. Doch dafür gebe es, meinen Reichholf wie Lomborg unisono, nicht das geringste Anzeichen.

Wer sich allerdings durch das Buch von Lomborg arbeitet, merkt rasch, dass dessen Öko-Optimismus allein auf global gemittelten Zahlen beruht. Da die meisten Probleme der Welt jedoch im Detail stecken, fallen sie bei dem Dänen zwangsläufig unter den Tisch. So verheißen Bevölkerungsstatistiken zwar eine weltweit gestiegene Lebenserwartung, sie sagen aber nichts aus über die verheerenden sozialen und demografischen Folgen von Aids für viele afrikanische Länder. Lomborg, der den Warnern und Umweltschützern vorwirft, sie operierten mit falschen Zahlen, tut letztlich auch nichts anderes, als Zahlen zu verdrehen.

Im Vergleich zu dem 500-Seiten-Anti-Apokalypsen-Klotz kommen Reichholfs Falsche Propheten bescheiden als schmales Büchlein daher. Doch dieses verdient erst einmal mehr Beachtung. Immerhin gilt der Professor an der Zoologischen Staatssammlung in München nicht nur als Tropenwaldexperte mit jahrelanger Felderfahrung und als einer der wenigen deutschen Wissenschaftler, die verständlich schreiben können, sondern auch als alter Kämpfer in Sachen Naturschutz. Er sitzt im Stiftungsrat des WWF Deutschland und beklagt im vorliegenden Buch, dass die tropischen Regenwälder als Horte der Diversität „in katastrophalem Ausmaß vernichtet werden“.

Als Kenner der Materie beschreibt er erst einmal, was sich hinter dem Modebegriff Ökologie verbirgt. Der geht auf den deutschen Gelehrten Ernst Haeckel zurück, der die „Wissenschaft vom Haushalt der Natur“ im 19. Jahrhundert begründet hat.

Von Anfang an haftete der neuen Disziplin etwas Unscharfes, Waberndes an. Wer die belebte Natur beobachtet, wird rasch feststellen, dass es dort drunter und drüber geht, dass geordnete Muster schwer zu finden sind, dass zwar alles irgendwie miteinander zu tun hat, sich aber kaum etwas konkret beschreiben lässt. Wer im Herbst zehn Kastanien in den Boden steckt, der kann im nächsten Jahr alles erwarten – nur nicht zehn gleichwüchsige junge Bäumchen. „Harte“ Wissenschaft aber, wie wir sie heute verstehen, verlangt reproduzierbare Ergebnisse.

Erst lange nach Haeckel erfuhr das Fach über den Begriff der „Ökosysteme“ eine klarere Ausrichtung. Ein Ökosystem, etwa ein Wald, eine Steppe oder eine Pfütze, so die neue Definition, ist eine Lebensgemeinschaft, die nur unter genau umrissenen Rahmenbedingungen existieren kann.

Dieser Systembegriff machte Haeckels Wissenschaft fassbar und berechenbar. Dessen eigentliche Idee vom Wesen der Natur war damit allerdings auf den Kopf gestellt. Denn ein gleich bleibender Rahmen ist natürlicherweise nirgendwo zu finden. Er ist ein Konstrukt von Laborforschern, die lieber unter kontrollierbaren Bedingungen arbeiten. Ein Wald kann abbrennen, eine Steppe kahl gefressen werden und das Austrocknen einer Pfütze innerhalb eines Sonnentages Abermillionen Kleinstlebewesen dahinraffen. Die Ökologie, laut Haeckel die „Beziehung des Organismus zur umgebenden Außenwelt“, stört das herzlich wenig.

Die heutige Ökologiediskussion beruhe somit auf einem großen Missverständnis, meint Josef Reichholf. Ökosysteme seien weder stabil noch belastet, noch gefährdet, sondern immer im Fluss. Es gebe keinen Optimalzustand in der Natur. Veränderung, Evolution, kennzeichne das Leben und seinen Erfolg. Die meisten Umwelt- und Naturschützer wollten also etwas erhalten, wo es gar nichts zu bewahren gebe.

Zum Beispiel den Zustand der Atmosphäre: Der verändert sich derzeit, weil der Mensch Kohlendioxid und andere Treibhausgase in großem Maßstab emittiert. Viele Forscher sehen darin eine Bedrohung für das Erdklima und die Stabilität menschlicher Gesellschaften und raten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Reichholf hält dies – wie viele andere Forderungen von Umweltschützern – für falsch.

Natürlich ändere sich das Klima, schreibt der Autor. Aber das tue es auch ohne Zutun des Menschen: Immerhin lag vor gerade mal 15 000 Jahren, zum Höhepunkt der letzten Eiszeit, halb Mitteleuropa unter einem kilometerdicken Gletscherpanzer begraben – gewiss keine Jubelphase der Menschheit. Erst warme Epochen ließen die Kulturen sprießen, Wein in Nordeuropa und Feigen in Köln reifen. Zwischenzeitliche Kaltphasen, wie die „kleine Eiszeit“ im Mittelalter, brachten Tod und Verderben.

Wir alle sind auf dem Weg in die Ökodiktatur

„Wer sagt uns eigentlich“, fragt Reichholf angesichts dieser Entwicklung, „dass das Klima vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (das den Forschern als Referenz gilt) das beste und einzig richtige ist?“ Wir könnten demnach weiter wirtschaften wie bisher, ohne Rücksicht auf fossile Ressourcen und den Treibhauseffekt.

Klar, dass Reichholf es damit auf Streit anlegt. Zumal er nicht nur den Klimaschutz infrage stellt, sondern gleich zum Rundumschlag ausholt: Der ganze Naturschutz sei total entgleist. Die Ökologie habe Religionsstatus erlangt. Die Gesellschaft sei untergangsgläubig und auf dem besten Weg in die Ökodiktatur. Und schuld daran seien die „falschen Propheten“. Sie scheinen Reichholf regelrecht die Laune zu verderben.

Spätestens hier schießt Reichholf, bei aller angebrachten Kritik an der Umwelthysterie, weit über sein Ziel hinaus. Zum Beispiel beim Thema Waldsterben. Was ist denn aus dem sterbenden Wald geworden?, fragt der Biologe und gibt auch gleich die Antwort: „Der Totgesagte erfreut sich weiter seiner Existenz.“ Viele Warnungen, viel Forschung, viel Geschrei um nichts, meint Reichholf.

Er verschweigt dabei, dass die Angst vor dem Waldsterben in den achtziger und neunziger Jahren massive Anstrengungen zur Reinhaltung der Luft nach sich gezogen hat. Gebäudeschäden in Milliardenhöhe wurden so vermieden, Seen, Flüsse und Agrarflächen weniger versauert und menschliche Lungen weniger geschädigt. Vermutlich hat sogar der Wald von den Umweltgesetzen profitiert. Sicher ist, dass ohne Filteranlagen und Katalysatoren, ohne TA-Luft und EU-Abgasnormen das Leben für Mensch und Wald heute nicht besser, sondern schlechter wäre.

Genauso gut könnte Reichholf also die Waldsterben-Warner loben, denn sie erst haben (und sei es zum Teil mit falschen Argumenten) den Wandel erzwungen. Es ist nun einmal das Los aller Kassandra-Rufer, dass das Unglück, vor dem sie warnen, im besten Fall nicht eintritt. Deswegen rufen sie ja.

Was Reichholf predigt, ist eine Art biologischer Fatalismus: Die Natur macht eh, was sie will, und irgendwie wird sie es richten. Seltsamerweise unterschätzt er dabei die Dynamik exponentieller Wachstumsprozesse. Von Prozessen also, die nicht linear, sondern beschleunigt verlaufen. Das Heimtückische an dieser Art von Wachstum ist, dass man es in der Anfangsphase unterschätzt, am Ende aber nicht mehr kontrollieren kann. Einige der größten Probleme der Menschheit, der Bevölkerungszuwachs, die Aids-Epidemie, aber auch die Klimaveränderung beruhen auf exponentiellem Wachstum.

Auf diese Phänome kann der Mensch erfahrungsgemäß erst reagieren, wenn es zu spät ist. Aber er kann ihren Verlauf modellieren und so im Voraus handeln. Auf Szenarien zu verzichten wäre also fatal. Die Modellbauer für die wirtschaftlichen Folgekosten zur Rechenschaft zu ziehen, wenn ihre Prognosen nicht eintreffen, wie Reichholf es fordert, ist geradezu bizarr.

In einer vernetzten, mit sechs Milliarden Menschen bevölkerten Welt, in der Entscheidungen auf der einen Hälfte des Globus Folgen auf der anderen nach sich ziehen können, brauchen wir ein ganzes Spektrum wissenschaftlicher Voraussagen, damit wir unser Handeln anpassen, bevor etwas völlig aus dem Ruder läuft. Wir brauchen die Prophezeiungen nicht für den Naturschutz, da hat Reichholf sicher Recht, denn die Natur kommt ohne Modelle und Prognosen aus. Wir brauchen sie zum Menschenschutz.

πJosef H. Reichholf:

π Die falschen Propheten – unsere Lust an Katastrophen

Wagenbach Verlag, Berlin 2002; 139 S., 10,90 ¤

Zur Startseite
 
  • Schlagworte Umwelt | Forschung | Natur | Statistik | Naturschutz | Romantik | Wasser | Umweltpolitik | Klima
Service