In der an bizarren Exzentrikern wahrlich nicht armen Schachgeschichte war er der Spektakulärste: der Türke. Er machte nicht nur in den Schachszenen Europas Furore, er elektrisierte Schachlaien in aller Welt und verwirrte europäische Herrscher. Kaiserin Maria Theresia unterhielt Staatsgäste mit dem seltsamen Gastarbeiter. Er besiegte Napoleon und Benjamin Franklin und inspirierte im fernen Amerika Edgar Allen Poe zu seinem Detektivgeschichten-Stil.

Über keinen anderen Schachspieler sind so viele Bücher und Abhandlungen (unter anderen von Theodor Heuss) geschrieben worden wie über diesen Meister aus dem Morgenlande. Im jüngsten Werk Der Türke hat nun der englische Computerwissenschaftler Tom Standage, der für die BBC und den Economist schreibt, die letzten Geheimnisse dieser einzigartigen Erscheinung entschlüsselt – 232 Jahre nach dem ersten Auftritt.

Die große Frage erhebt sich, ob der Türke ein Mensch war. Offiziell war er ein Automat, ein Schachautomat. Aber konnte ein Automat so gut Schach spielen? Im 18. Jahrhundert waren die Mechaniker die Könige unter den Naturwissenschaftlern. Sie entwickelten Automaten mit menschlichem Bewegungsapparat – vor allem mechanisch angetriebene Tänzer- und Musikerpuppen. Ein begnadeter Mechaniker war Baron Wolfgang von Kempelen, Hofrat bei Maria Theresia; im Jahre 1770 führte er der Kaiserin seine Schach spielende Maschine vor.

An einem kastenförmigen Rolltisch saß eine türkisch verkleidete Puppe, die mit der linken Hand einen Zug ausführte, sobald jemand sie zu einer Partie herausforderte. Der Türke gewann meist und leicht. Schon bald begeisterte er ein größeres Publikum, das er auch mit humoristischen Einlagen erfreute. Wenn er am Zug war, wackelte er mit dem Kopf, als studiere er die Stellung. Illegale Züge wies er mit Kopfschütteln zurück.

Die Kaiserin schickte Kempelen mit seiner Sensation auf Europatournee. Er spielte gegen große und kleine Meister, verlor allerdings gegen Philidor, den stärksten Spieler der Welt. Kempelen rüstete den Automaten immer weiter aus. Er konnte sogar Publikumsfragen beantworten, indem er mit dem Finger Buchstaben auf einer Tafel antippte. „Bist du verheiratet?“ Antwort: „Ich habe viele Weiber.“

Zwanzig Jahre nach der Erstaufführung entlarvte Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz in seinem Buch Über den Schachspieler des Herrn von Kempelen und dessen Nachbildung den Türken. In dem Kasten, hatter er entdeckt, war ein Mensch so geschickt untergebracht, dass er sich wegdrehen konnte, wenn der Erfinder einen Teil der Maschine zur Besichtigung öffnete. Die Entlarvung führte zu der Bezeichnung „einen Türken bauen“ (für vortäuschen), schmälerte aber nicht den Ruhm des Halbautomaten.

Selbst nachdem der Automat einem Brand zum Opfer gefallen war, forschten Interessenten den nicht geklärten Details hinterher – bis zum heutigen Tag. Tom Standage hat in seinem Buch alle Quellen bis hin zu kleinen Artikeln in amerikanischen Schachzeitungen des vorvorigen Jahrhunderts gebündelt und ausgewertet. Der Forscher schafft es merkwürdigerweise, den whodunnit- Charakter der Geschichte zu erhalten, obwohl er das Rätsel statt mit einem Knalleffekt in Raten lüftet. Je mehr der Leser erfährt, desto begieriger liest er weiter, vielleicht auch, weil die flott geschriebene Geschichte mit neuer Aktualität in die Gegenwart rast. Als Weltmeister Garry Kasparow 1997 eine Partie gegen einen Computer mit Namen Deep Blue verlor, behauptete er tatsächlich, ein versteckter Mensch hätte für den Computer gezogen!

Ansonsten hat sich alles umgekehrt. Heute betrügen Turnierspieler mit einem Pocketcomputer in der Tasche.