Ganz zum Schluss ihres Buches zitiert die amerikanische Autorin ein erwachsen gewordenes Scheidungskind – Karen: „Die Ehe ist eine altmodische Einrichtung. Warum sich damit belasten? Aber während wir diesen zynischen Gedanken aussprachen, bewahrten wir insgeheim doch die Hoffnung, dass wir den tiefen und romantischen Zauber wieder entdecken und an uns selbst erfahren könnten.“

Sehnsucht darf sein. Und Judith S. Wallerstein hat viel Verständnis für diesen seelischen Hunger, an dem Scheidungskinder leiden – nach mehr Liebe, mehr Schutz, mehr Sicherheit und Beständigkeit, als die heutigen Industriestaaten der westlichen Welt es bieten können. Die Psychologieprofessorin an der Universität San Francisco hat 131 Betroffene in einer beispiellosen Langzeitstudie über 25 Jahre hinweg begleitet und kommt zu einem bemerkenswerten Schluss. Weg mit dem Mythos, den man heute auf jeder Abendgesellschaft hört: Eine Scheidung sei eine vorübergehende Krise, sie schaffe nur Wunden, die bald heilen. Vielmehr verursache sie schwere innere Blessuren, die erst im Erwachsenenalter aufbrechen. 40 Prozent der in der Studie erfassten Männer und Frauen haben niemals geheiratet. Misstrauen bestimmte die Beziehung zum Partner. Vorab hatten viele Furcht vor der Wiederholung ihrer Kindheitserfahrungen, sie äußerten Verlustängste, sorgten sich, sie könnten noch einmal im Stich gelassen werden, oder waren vollkommen unfähig, Konflikte auszutragen. Jahrzehntelang hielten sich die Schuldgefühle, sie könnten für die Trennung der Eltern doch verantwortlich gewesen sein. Besonders die Töchter hatten Mühe, sich ein eigenes Leben aufzubauen, weil sie in einer schwierigen Loyalität zu ihren Müttern standen, die oft lebenslänglich an der Scheidung litten und so, ohne Absicht, bei ihren Kindern eine eigenartige Mischung aus Liebe, Mitleid und erschrockener Abwehr auf den Plan riefen.

Dabei sieht es in den ersten Jahren nach der Scheidung so aus, als seien die Kinder flexibel und anpassungsfähig. Sobald es dem für sie sorgenden Elternteil gelungen ist, den familiären Scherbenhaufen einigermaßen aufzuräumen und ein notwendiges Ordnungssystem aufzubauen, fügen sie sich oft klaglos in ihr Schicksal. Sprechen, weinen, etwas rauslassen – das trauen sie sich nur gegenüber ebenfalls betroffenen Freunden: „Wir definieren uns als Scheidungskinder.“ Und im Rückblick der heute 18- bis 45-Jährigen heißt das: „Der Tag, an dem meine Eltern sich scheiden ließen, war zugleich der Tag, an dem meine Kindheit zu Ende war.“ Oder: „Mein Vater hat sein Eheversprechen nicht gehalten. Deshalb konnte ich nichts von ihm lernen. Meine Mutter hat mir nichts über Männer beigebracht.“ Das scheint der größte Schaden für Scheidungskinder zu sein: Die Eltern haben keine Vorbildfunktion. Sie sorgen nicht für die wichtigen, sicheren inneren Instanzen, die Voraussetzung zur Identitätsbildung von Kindern sind.

Wallersteins wissenschaftliche Studie festigt die ebenfalls landläufigen Mythen von den schlimmen Scheidungsfolgen. Die Autorin ist Begründerin eines Centers für Familientherapie und hat dort viel Erfahrung gesammelt. Aber: Dass in einer solchen Institution die Fälle schwerstgeschädigter Kinder überwiegen, liegt in der Natur der Sache. Der Nachwuchs vernünftiger Eltern, die zum Wohl des Kindes die Scheidungsfolgen mildern können, braucht keine Therapie. Vielleicht hilft dieser Gedankengang zu verstehen, warum die Autorin die positiven Veränderungen nach einer Scheidung nur sehr am Rande erwähnt. Mancher Elternteil ist immerhin wie erlöst von den Streitereien in der Ehe und konzentriert nun seine Fürsorglichkeit auf die Kinder. Und Letztere wissen durchaus im späteren Erwachsenenalter, dass sie auch profitiert haben. „Ich musste unabhängig und stark werden. Ich komme gut mit Umbrüchen in meinem Leben zurecht. Da ich sehr früh lernen musste, dass die Welt nicht nur heil ist, habe ich auch früh gelernt, wie man Probleme löst. Ich bin ein Pragmatiker und neige nicht so zu Selbstmitleid wie meine Freunde aus behüteten Familien.“ So lauten die Kommentare der 131 Betroffenen eben auch.

Dies ist ein Appell an die Eltern – zusammenzubleiben

Im Fazit ihrer Langzeitstudie appelliert Wallerstein an Güte und Nachdenklichkeit aller Eltern. Ob sie nicht doch ernsthaft erwägen könnten zusammenzubleiben. Sich selbst zurückstellen und die elterliche Aufgabe zur wichtigsten machen. Oder: nicht impulsiv zum Scheidungsanwalt rennen, sondern die Zeit nach der Scheidung vorab genau im Auge haben. Wird das Geld reichen, um die Ausbildung der Kinder garantieren zu können? Lässt sich ein Umzug hinauszögern, damit die Kleinen nicht auch noch ihre Freunde und den Schutz der gewohnten Umgebung verlieren? Bei allem Streit und allen Nervenzusammenbrüchen: Eltern sollten sich so weit zusammenreißen, ihre Liebe weiterhin den Kindern zuzusichern, auch wenn die zum Partner zu Ende ist. Dies sind Grundgedanken, die auch die Bremer Pädagogik-Professorin Helge-Ulrike Hyams in ihrem provozierenden Buch gegen Scheidungen äußert: Kinder wollen keine Scheidung.

Die auffallend vielen Bücher, die in diesem Jahr zum Thema Kinder und Familie erschienen sind, deuten eine veränderte gesellschaftliche Tendenz an. Schluss mit dem rein selbstbezogenen Glücksstreben der Erwachsenen, mit der Selbstverwirklichung auf Kosten anderer. Stattdessen mehr Beachtung der Kinder, die endlich eine Lobby erhalten sollen, wie sie bisher nur die Umwelt, die Tiere oder die Rollstuhlfahrer haben. Selten belassen es die internationalen Autoren dabei, die Probleme nur auf psychischer oder wirtschaftlicher Ebene zu schildern. Überall klingt Protest dagegen an, dass sich der Staat vor Jahren weitgehend auf eine juristische Position zurückgezogen und das Wohl der Kinder in die Hände der Familie übergeben hat. Alle Neuerscheinungen setzen uns darüber in Kenntnis, dass sowohl dieser Rückzug wie unser aller Taubheit verheerende Folgen für unsere Kinder hat. Und überall wird Sehnsucht deutlich: Es möge sich doch an diesem Zustand etwas verändern lassen. Trotz schmaler Kassen, trotz wachsender Single-Bewegung, trotz steigender Scheidungszahlen. Der Familie, die in Großstädten nur noch 26 Prozent aller Haushalte bewohnt, droht sonst der Abstieg zu einer kaum mehr beachteten Randgruppe.