Der Fortschritt, als Feind der Tradition ebenso gefeiert wie gefürchtet, beginnt die Axt an seine eigenen Wurzeln zu legen. Der Ernst-Reuter-Platz in Berlin, nicht eben ein lauschiges Plätzchen, aber doch eines, an dem sich die Hoffnungen der Nachkriegsarchitekten exemplarisch verdichten, droht das wichtigste seiner Gebäude zu verlieren. Die Technische Universität möchte ihr Institut für Bergbau und Hüttenwesen loswerden, das Haus ist nicht im besten Zustand, aber das Grundstück Millionen wert.

Ähnlich geht es der Stadt Frankfurt am Main mit dem Eiermann-Hochhaus: Profitabler wäre das Grundstück, wenn es neu und höher bebaut würde. Egon Eiermann gehört zu den gefeierten Vätern des moralisch korrekten Wiederaufbaus, er versuchte alle Imponiergesten zu vermeiden, und mit dem Gebäude für die Hoch-Tief AG ist es ihm auf eleganteste, heiterste Weise gelungen. Anders als die späteren Hochhäuser der Banken in Frankfurt, die nur dem Himmel lächeln, im Erdgeschoss jedoch grimmige Verweigerung üben, ist dieses ein Gebäude, an dem jedermann beschwingt vorbeistreift. Wenn Denkmalschutz für die jüngere Vergangenheit überhaupt Sinn hat, dann müsste er sich hier beweisen. Hier sieht man nicht nur das Gewollte, sondern wie es Wirklichkeit wurde. Die Malaise der modernen Architektur, dass sie nicht erlebt werden kann, sondern in ihren Vorzügen erst mühsam erläutert werden muss, hat dieses Gebäude nicht befallen.

Interessanterweise wird das von niemandem in Frankfurt bestritten. Vielmehr haben die Agenten des Abrisses von der Debatte um den Berliner Palast der Republik gelernt und sich hinter technischen Argumenten verschanzt. Was in Berlin der Asbest war, dessen Entfernung den Teilabriss motivierte, ist in Frankfurt die Schwarze Wanne. Von der so genannten Schwarze Wanne, einem Grundwasserschutz mit Bitumen, heißt es, dass sie bei einer notwendigen Renovierung des Gebäudes kaputtginge

und dann müsste man eh neu bauen. Die Wahrheit allerdings, die aus allen Gutachten und Gegengutachten leuchtet, spricht dafür, dass niemand weiß, was die Schwarzen Wannen der klassischen Moderne aushalten. Sie haben nur den einen Fehler, dass man sie nicht mehr baut. Heutzutage hat man weiße Wannen (nämlich aus Beton).

Der Moderne, so lernen wir daraus, ist nach fünf Jahrzehnten eine eigene Vorzeit entstanden, die mit demselben Misstrauen beäugt wird wie einst die Vormoderne. Der Triumphalismus, mit dem sie glaubte, in eine geschichtslose Zeit eingetreten zu sein, kehrt sich jetzt gegen sie. Der Fortschritt, auf dessen Seite sie sich ewig wähnte, hat neue Renditevorstellungen entwickelt, denen die Väterbauten der Moderne nicht standhalten

auch Schwarze Wannen sind übrigens zu teuer. Ihnen geht es jetzt wie den Fachwerkhäusern, die das Barock nicht mochte, ästhetisch nicht und weil man dem Konstruktionsprinzip misstraute.