Sachbuch Die Seele gibt auf

Axel Honneths Sammelband nimmt Paradoxien des Kapitalismus in den Blick

Wie weit Weimar heute von uns entfernt liegt! Wie undenkbar es wäre, dass ein grau Verzweifelter an der Straßenecke steht, wie in den Weimarer Jahren massenhaft geschehen, mit dem Schild um den Hals: „Nehme jede Arbeit an!“ Wäre das heute nicht die sicherste Methode, keine Arbeit zu bekommen? Muss nicht heute jeder darauf bestehen, dass man mit ihm nicht beliebig umspringen kann? Muss nicht jeder angeben können, worauf genau sein individuelles Interesse sich richtet?

Der Charakter von Arbeit, und nicht nur er, hat sich in den Jahrzehnten der leistungswilligen Bundesrepublik gründlich subjektiviert, ohne dass der Druck auf die Einzelnen spürbar nachließe. Ein Paradox: Die Freiheiten nahmen zu, doch merkwürdigerweise so, dass die Einzelnen sie nicht als Freiheit empfinden. Zugleich wuchs auch die Konformität. Was für eine Gesellschaft auf diese Weise entstand, müssten einem die Sozialwissenschaften erklären, am besten im Konzert miteinander, damit Auswege erkennbar werden, die den Leidensdruck mindern. Die Erschöpfung hat den fragwürdigen Aufstieg zur Massenerkrankung genommen.

Die Freiheit kann nur wählen, wer sich sicher fühlt

Aber wo wäre heute noch eine Sozialwissenschaft anzutreffen, die den gewagten Anspruch erhöbe, durch Analyse das Leiden zu mindern – also normativ ausgerichtet zu sein? In den Weimarer Jahren hat das legendäre Frankfurter Institut für Sozialforschung um die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, gegründet 1923, den Versuch unternommen, einer Gesellschaft wissenschaftlich den Weg zu weisen, den Weg aus der Unmündigkeit – bis diese Gesellschaft es in die Emigration zwang. Zum Glück kam es zur Neugründung, 1950, doch seit den Siebzigern ging dem Institut mit seinen riesenhaften Ansprüchen, grundkritisch zu sein und dem Marxismus die Treue zu halten, die Puste aus.

Die Sozialwissenschaften zersplitterten in Einzeldisziplinen. Zu den Groß-meistern zählte bald einer, der mit Frankfurt und dem Anspruch auf Normativität wenig zu tun hatte: Michel Foucault in Paris, der den westlichen Gesellschaften ihre feinen Techniken der Unterwerfung nachwies. Der Münchner Soziologe Ulrich Beck machte die Tücken der Individualisierung bekannt – wie ratlos Leute sind, die unbedingt frei sein sollen oder wollen, was sich kaum unterscheiden lässt. Jürgen Habermas und, grundverschieden, Niklas Luhmann verlegten unterdessen die theoretischen Fundamente neu.

Traut sich also, mitten in der Manege der Pluralität, ein Zwerg auf die Schultern der Riesen? Hier ist nun ein neuer Versuch, normativ zu denken, vorsichtig nur, ganz vorsichtig, und er kommt ausgerechnet aus dem alten Frankfurter Institut, das seit gut einem Jahr wieder einen Philosophen zum Leiter hat, einen Theoretiker der Anerkennung, Axel Honneth. Befreiung aus der Mündigkeit heißt das schmale Buch, das erste Versuche enthält, dem Kapitalismus neu ins Gesicht zu sehen – neu, weil es dessen Paradoxien in den Blick nimmt. Fragen über Fragen, etwa: Wie beraubt sich die Moderne ihrer Grundlagen, indem sie die mündigen Individuen abschafft, die sie so dringend bräuchte?

Auf diese Frage sollen alle Disziplinen den Blick fokussieren. Noch fehlen dem Konzert die waschechten Ökonomen, noch fehlt auch eine starke psychoanalytische Stimme (dafür ist die Entwicklungstheorie von Martin Dornes dabei), noch ist der Schock des Geburtenrückgangs kaum zu spüren, noch sind alle Autoren Deutsche, und eine Frau ließ sich auch nirgends auftreiben.

„Erste Vorüberlegungen zur Bestimmung eines neuen Forschungsthemas“, mehr Ertrag solle das Buch gar nicht liefern, heißt es einleitend bescheiden. Doch schon nehmen etwa der Rechtstheoretiker Klaus Günther, der Philosoph Honneth, der Soziologe Stephan Voswinkel, der Politologe Volker Heins vernehmbar Stellung. Was denn jene Eigenverantwortung sei, an die öffentlich appelliert wird, um die Kassen zu sanieren (wo doch die Hirnforschung lehrt, der Mensch sei allzu determiniert, als dass er frei handeln könne), fragt Günther. Und betont, dass ein Subjekt sich nur selbst ermächtigen könne, frei zu sein. Dass es Freiheit frei wählen müsse, um sie spüren zu können. Aber um wählen zu können, braucht es eine sozialstaatliche Absicherung. Wer arm an Mitteln, an Anerkennung, an Bildung ist, der spürt nur den Zwang, sich selbst helfen zu müssen. Unterwirft sich und leidet.

Wie das Ideal der Selbstverwirklichung denn zu beurteilen sei, wenn doch längst die massenhaft auftretende Depression anzeige, dass die Seelen davor kapitulierten, sich selbst als permanente Ressource von Sinn zu verstehen, fragt Honneth. Und greift auf Georg Simmel, den ersten Philosophen der Individualisierung, zurück, um deutlich zu machen, dass Vereinzelung und Autonomiewünsche Hand in Hand gehen, angetrieben vom Zwang zur Originalität, die nun eine Aufgabe ist, nicht etwa angeboren.

Und Voswinkel fragt auch danach, wie denn Anerkennung für subjektivierte Arbeit aussehen könne, zumal bei den unsichtbar Arbeitenden, denen zu Hause, also den Frauen, die ohne die üblichen Währungen des Lohns zurechtkommen müssen. Was müsste geschehen, damit sie sich anerkannt fühlen?

Dies ist ein Anfang. Man wird ihn nicht übereilt nennen können.

 
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