Die FAZ- Karikaturisten Greser & Lenz haben die apokalyptische Stimmung, die in Teilen der deutschen Medien herrscht, kürzlich treffend dargestellt: Zwei Herren sitzen im Kaffeehaus, der eine liest im „Kahler Tageblatt“ die neuesten Hiobsbotschaften über Staatsverschuldung und Bildungskatastrophe, der andere fragt besorgt: „Sind wir eigentlich noch Erste Welt oder schon Zweite?“ Dabei ist es die Frankfurter Allgemeine selbst, die das Katastrophengerede mit auf die Spitze treibt: Der Historiker Arnulf Baring klagte dort, hilflose Politiker ließen unser Land verrotten – und das Grundgesetz verfüge, anders als die Weimarer Verfassung, nicht einmal über einen Notstandsartikel, mit dem „erforderliche, schmerzliche Reformen ohne das Parlament in die Wege geleitet werden“ könnten.

Der Unternehmens- und Kanzlerberater Roland Berger gab Schützenhilfe, indem er kürzlich auf einer Veranstaltung des Bankenverbandes (Staatsoper, Publikum in teurem Tuch, Jacobsmuscheln auf Linsenbett) eine einschlägig empörte Bild- Zeitungsseite als Ausdruck des gesunden Volksempfindens schwenkte und ausrief, nun müsse etwas geschehen! Und jeder wisse doch, was zu tun sei! Ist das so? Weiß jeder, was zu tun ist? Besteht überhaupt noch eine Verständigungsmöglichkeit darüber, wie gut oder schlecht es diesem Land tatsächlich geht?

In der veröffentlichten Meinung klingt es seit ein paar Jahren so, als stünden wir direkt vor dem Untergang. Der linksliberale publizistische Mainstream mit seinen politischen Emanzipationsthemen ist durch ein ökonomistisches Reformverlangen abgelöst worden: Nicht um die „Verbesserung der Lebensverhältnisse“ oder den „sozialen Fortschritt“ geht es den wilden Autoren heute, sondern um „Einschnitte“, einen revolutionsähnlichen „Ruck“, „Grausamkeiten“, den radikalen „Systemwechsel“.

Die Komplementärbegriffe lauten „Blockade“, „Stillstand“, „Reformunfähigkeit“, „Besitzstandsdenken“, „Verkrustung“. Die Einschnitte sollen – selbstverständlich – nur den Bankrott der Rentenversicherung, die Zunahme der Arbeitslosigkeit, die Erosion des Gesundheitswesens verhindern helfen.

Die Jüngeren plappern nach

Aber ist, erstens, wirklich „Stillstand“ die größte Gefahr für diese Gesellschaft? Viele der aktuellen Probleme ergeben sich doch gerade aus einem permanenten Wandel von Verhältnissen, auf die sich politisch nur schwer Einfluss nehmen lässt. Die internationalen Abhängigkeiten von Unternehmen zum Beispiel: Was genau soll ein Oberbürgermeister oder eine Landesregierung tun, wenn ihnen eine Firma wie die Heidelberger Druckmaschinen AG erklärt, sie müsse sich von 800 Mitarbeitern trennen und die Produktion in ihr amerikanisches Werk verlegen, um näher am US-Markt zu sein?

Oder: Wie stoppt man obrigkeitlich die innerdeutsche Ost-West-Wanderung, mit der die Menschen doch exakt so reagieren, wie sie es heute sollen, mobil und flexibel nämlich? Wobei sie allerdings entvölkerte Landschaften zurücklassen.