Dieses Jahr kommt der Weihnachtsmann mit dem Surfbrett. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber dass die Bescherung am Strand stattfindet, versteht sich von selbst. Palmen allerdings wachsen hier keine, sondern es wird dann, ganz klassisch, eine Tanne geben. Sie gehört dem Strandhotel Wustrow, und dessen Manager Angelo Mezzadonna ist nach eigenem Bekunden der Einzige auf dem Fischland, der so etwas darf: einen Baum an das naturgeschützte Meeresufer bugsieren und dann auch noch ein Fest feiern. Hinterher wird der Strand aussehen, als sei nicht das Geringste geschehen.

Das Strandhotel, mitten im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gelegen, funktioniert nach zweierlei Philosophie. Erstens: Alles ist möglich.

Zweitens: Nicht alles, was möglich ist, ist nötig. Wenn beispielsweise der Boxer Axel Schulz mit seiner Entourage hier Urlaub macht, lässt Signor Mezzadonna im Hotel einen Boxring aufbauen. Und wenn eine Firma ihren Betriebsausflug mit einer Party auf dem Wasser krönen will, dann mietet der Padrone ein traditionelles Zeesenboot mit rotbraunen Segeln und altertümlicher Takelage, wie es früher für die Boddenschifffahrt benutzt wurde. Die Hotelgäste schlürfen ihren Sekt an Deck, halten die Nasen in den nasskalten Wind und haben freie Sicht auf den Wustrower Kirchhügel nebst restaurierten Seemannskaten entlang der Boddenkante. Das ist ohne Probleme möglich.

Möglich gewesen wäre auch, das Strandhotel an der Seeseite des Fischlandes - das als schmaler Steg ins Meer ragt und mit Darß und Zingst eine hakenförmige Halbinsel nördlich der Rostocker Heide bildet - ein Stockwerk höher zu bauen.

Die Bauordnung gab das her. Aber der Bauherr orientierte sich an der Höhe des Deichs, der fast in Spuckweite liegt, und verzichtete. So entstand ein niedriges, verzweigtes Haus, dem man kaum ansieht, dass es zu einer Hotelkette gehört. Von jedem Balkon aus schaut man ins Grüne: Riedgras, Hagebutten, hartlaubige Küstengewächse, dazwischen Teiche und Wege. Besonders schön und besonders untypisch für die Gegend ist das so genannte Teehaus, ein Oktagon, in das aus allen Himmelsrichtungen Licht fällt. Eigentlich ein Meditationsort: Yoga, Rückenschule, Qigong stehen auf dem Kursplan, seit Angelo Mezzadonna begonnen hat, das vor vier Jahren erbaute Hotel nach den Prinzipien des Feng-Shui rundzuerneuern.

Die fernöstliche Harmonielehre kommt vom Taoismus her und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bedingungen eines positiven Wohngefühls. Das bedeutet im Wustrower Dorint, dass es neuerdings weniger Ecken und mehr runde Formen gibt, dass die Stühle im Wintergarten aus rotbraunem Holz bestehen und in geschmackvollen Farben gepolstert sind, dass nirgendwo stachelige Palmen stehen und der Kamin an genau die richtige Stelle gesetzt wurde. Es bedeutet, dass es am Frühstücksbüfett 75 Sorten Tee gibt, dass man im renovierten Wellnessbereich mit neuen Aromaölen massiert wird und dass die freundliche Wellness-Managerin, nachdem sie den Sinn von Qigong erklärt hat, mit ihren Gästen an den Strand geht, um sie nachhaltig für chinesische Bewegungskunst zu begeistern.

Qigong ist im Dorint möglich, aber nicht zwingend nötig. Man darf auch faul in der Lobby sitzen, die wie ein gemütliches Wohnzimmer wirkt, geschmückt mit Aquarellen und gerahmten Gedichten. Oder man rollt auf hoteleigenen Fahrrädern durch die windzerzauste Umgebung. Denn das Strandhotel versteht sich keineswegs als Esoteriktempel, seine Philosophie ist noch nicht ins Ideologische gekippt wie vielerorts in der einschlägigen pseudoasiatischen Selbstfindungsgemeinde. Hier darf man noch laut sagen, dass die Feng-Shui-Regel, sein Haus fernab der Autobahnen zu platzieren, ja wohl den Geboten des gesunden Menschenverstandes entspricht. Und dass man eine behagliche Innenausstattung auch mit etwas Gleichgewichtsgefühl zustande bekommt. Hier müssen die Wochenendgäste nicht so tun, als stünde die Vereinbarung, sich bei der Reizklimawanderung am Schwächsten der Gruppe zu orientieren, im Einklang mit jenen Methoden, die draußen in der Arbeitswelt dazu führen, dass man sich regelmäßige Kurzurlaube im Feng-Shui-Hotel leisten kann. Wer seine Hoffnung allerdings auf die weniger gut verdienenden Biolatschen-Buddhisten setzt, die am anderen Ortsende im Bungalow wohnen, der muss sie nur einmal beobachten, wenn sie übern Deich radeln. Vati wehenden Schals vorneweg und Mutti, weit abgeschlagen, mit hängender Zunge hinterher.