Ich habe einen Traum
Richard Sennett, 1943 in Chicago als Sohn überzeugter Kommunisten geboren, träumte als Jugendlicher von einem Musikerleben als Cellist. Eine verpfuschte Handoperation beendete diesen Traum. Sennetts akademische Karriere begann in Yale und Cambridge, wo er sich schnell einen Namen als »Stadtsoziologe« machte. 1975 gründete er das New Yorker Institute of the Humanities und lehrt seit drei Jahren an der London School of Economics. Der berühmte Soziologe gilt auch als begnadeter Schreiber. Titel seiner Publikationen wie »Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität« (1997) oder »Der flexible Mensch« (1998) wurden zu Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Heute träumt Sennett noch immer von einer besseren Welt jenseits sozialer Grenzen
»Wer von einer neuen sozialen Ordnung träumt, muss auch eine Kultur schaffen, die jenseits der Ungleichheit Brücken baut. Respekt muss man lernen, man kann keinem befehlen, einen anderen Menschen zu respektieren«
Mein Traum von einer besseren Welt hat sich im Laufe der Jahre verändert: Als ich jünger war, dachte ich, es ginge darum, das Leben der Menschen in den Städten zu verändern: die Erfahrung städtischen Lebens interessanter für die Menschen zu machen und deren Teilhabe daran zu vergrößern, jenseits sozialer und ethnischer Grenzen. Diesen Traum habe ich noch immer, doch ich habe erkannt, dass die Stadt an sich nicht die Kraft hat, um dies zu bewerkstelligen. Und an dieser Stelle werden die Dinge für mich schon kompliziert, denn ich habe kein Patentrezept.
In meiner Jugend war ich leidenschaftlicher Trotzkist, aber mit Mitte 20 habe ich diese Leidenschaft verloren, und ich konnte dieses ganze Gerede von Kapitalismus und Sozialismus nicht mehr hören. Mein Ort des idealen Lebens wurde dann die Idee der Stadt. Mit wachsendem Alter jedoch denke ich wieder mehr darüber nach, wie man den Kapitalismus ändern kann. Wobei Amerikaner natürlich ernsthafte Kritik nicht hören wollen – sie sind höchstens an einer Kritik interessiert, die die Maschine am Laufen hält. Aber dass die Maschine, auch wenn sie gut läuft, schlechte Dinge schafft, dass man sie auch abschalten kann, davon wollen sie nichts wissen.
Erst jetzt, nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums, erscheint es mir wieder möglich, verschiedene Denkweisen eines nichtmarxistischen Sozialismus zu diskutieren. Jener Weg in den Sozialismus führte ja in den Schrecken. Die Frage, die ich mir nun stelle, ist, ob wir als Sozialisten uns nicht auch anders denken können. Derzeit interessieren mich besonders Konzepte zur Schaffung eines existenzsichernden Grundeinkommens, wie sie überall in Europa erforscht werden. Es geht darum, durch die Umverteilung des vorhandenen Einkommens den Wettbewerb zu reduzieren – wobei für mich die wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, Bedingungen größerer wirtschaftlicher Gleichheit zu schaffen, ohne gleichzeitig kulturelle Homogenität zu erzeugen. Mit dieser Problematik beschäftige ich mich, denn im vergangenen Jahrzehnt haben wir ja das genaue Gegenteil erlebt: mehr soziale Ungleichheit, weniger kulturelle Vielfalt. Eine schreckliche Kombination.
Ein existenzsicherndes Grundeinkommen wäre also ein Schritt in die richtige Richtung – wobei ich sagen muss, dass ich kein Praktiker bin. Ich bin Forscher und beobachte die Wirklichkeit im Leben der Menschen, deren materielle Ressourcen – auch in der Mitte der Gesellschaft – immer knapper werden. Sie stehen am Arbeitsplatz unter größerem Druck und werden immer unfreier, so viel weiß ich. Als Träumer sollte man natürlich einen Plan haben, aber ich habe keinen Plan. Wobei das natürlich zu einem ganz interessanten Punkt führt. Insbesondere in Amerika denkt man gemeinhin: Wenn man keine Lösung anbieten kann, dann gibt es auch kein Problem. Aber man muss nicht auf jede Frage sofort eine Antwort wissen.
Doch die Frage nach einer besseren Welt verlangt auch gar nicht nach einer eindeutigen Antwort, eher verlangt sie nach einem Experiment. Und wenn ich heute auf mein amerikanisches Leben zurückblicke, dann erschüttert mich, wie wenig Experiment und wie viel Konformität es dort gab. So etwas hören Europäer natürlich mit einer gewissen Irritation, doch erscheint mir Großbritannien im Vergleich zu den USA als ein Ort der Vielfalt. Und ich meine ganz Großbritannien, nicht bloß London. Exzentriker wurden in Großbritannien beispielsweise immer toleriert. Auch ist man Einwanderern gegenüber toleranter als in Frankreich. Man erwartet eine gewisse Kenntnis des Landes, aber es gibt keine Diskussionen über die Überlegenheit der britischen Kultur. Und was erfreulicherweise ebenfalls fehlt, ist die erste Frage, die jeder Amerikaner einem Fremden stellt: »Und? Ist es nicht großartig, hier in Amerika zu sein?« Wer diese Frage verneint, hinterlässt bei seinem Gegenüber mehr Beleidigung als Neugierde, was ich eher seltsam finde.
Was mich an der Forschung über ein Grundeinkommen interessiert, ist, dass sie eine klassische Trennung überwindet. Es geht darum, für jeden einen Boden zu schaffen, ein Sicherheitsnetz. Was die Leute mit diesen Ressourcen machen, ist dann ihre Angelegenheit. Die gegenwärtigen workfare- Programme zur Armutsbekämpfung lehne ich hingegen ab, da sie nur die Fähigsten unter den Sozialhilfeempfängern abschöpfen. Nur 30 Prozent der Teilnehmer profitieren davon, indem sie Tätigkeiten ausführen, die schlecht angesehen und zeitlich befristet sind: McDonald’s und andere Dienstleistungsjobs. Die restlichen 70 Prozent erleben eine doppelte Stigmatisierung: Nicht nur sind sie ehemalige Sozialhilfeempfänger, sondern sie haben nun auch noch bewiesen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nicht überleben können.
Die Lösung dieses Problems liegt ganz woanders: Man muss bei den Erfahrungen ansetzen, die sehr verarmte Schichten der Bevölkerung machen. Der schnelle Übergang von Abhängigkeit in Unabhängigkeit, den die neoliberalen Konzepte vorsehen, ist da schlicht unrealistisch. Als Experimente, die in die richtige Richtung gehen, betrachte ich hingegen den New Deal im Amerika der dreißiger Jahre und die frühen Phasen der Sozialreformen im Großbritannien der Nachkriegszeit: radikale Einschnitte, was den materiellen Aspekt der Ungleichheit betrifft, und dennoch nicht hochgradig bürokratisch durchorganisiert. Ich bewundere beide. Das ist der Geist, die wir brauchen, denn die Krise, die uns bevorsteht, ist absolut ernst zu nehmen.
Meinen jugendlichen Trotzkismus habe ich übrigens überwunden, indem ich 1970 ein Buch über Anarchismus und die anarchische Erfahrung in Städten schrieb. Ich schätze, meine Phase des urbanen Anarchismus währte dann ungefähr von 1970 bis 2002.
Zum Glück haben wir heute mit den Globalisierungskritikern eine verantwortlichere Linke, als wir es waren. Die sind sehr viel differenzierter, wir hingegen waren einfach antiautoritär, und das war’s. Wobei es natürlich nicht eine Bewegung ist, sondern viele verschiedene, die für eine andere Globalisierung eintreten. Ich empfand den Geist der Gruppen, die sich in Porto Allegre versammelt haben, als sehr inspirierend. Schließlich gibt es nur noch einen imperialen Staat: die USA, und die globalisieren eben nach ihren eigenen Interessen. Und natürlich gibt es an dem Punkt eine Parallele zu der Frage, wie eigentlich starke und schwache Individuen miteinander umgehen und ob die Starken die Schwachen respektieren. Eine Sensibilität dafür gibt es bei uns in Amerika leider so gut wie gar nicht – was man beispielsweise an Fragen wie der Entwicklungshilfe und des Schuldenerlasses erkennt oder an der Art, wie Gäste in Restaurants das Personal behandeln.
Die Lebensbedingungen der Armen kenne ich übrigens aus erster Hand: Meine eigentlich bürgerlichen Eltern hatten nicht nur ihr Geld verloren, sondern in der beginnenden McCarthy-Ära auch große Schwierigkeiten, Arbeit zu finden, da sie Mitglieder der Kommunistischen Partei waren. Wir wurden quasi in die Armut gezwungen, wobei wir kulturell nicht zur Arbeiterklasse gehörten. Doch Armut war niemals ein Wort des Schreckens für mich, da ich ein begabter Musiker war und bereits mit zwölf, dreizehn Jahren Konzerte gab. So fand ich mich in einem Milieu wieder, das größtenteils der oberen Mittelschicht zugehörig war. Was ich aus dieser Zeit über die soziale Wirklichkeit gelernt habe, ist, dass sie sich nur in kleinen Schritten ändert, von Angesicht zu Angesicht. Ich bezweifle, dass man dies politisch verordnen kann. Diese Beziehungen sind eine Verhandlungssache zwischen den Individuen. Doch was sie als Grundlage dafür brauchen, ist Verhandlungsfreiheit, die nicht von materiellen Nöten untergraben werden darf.
Wer aber von einer neuen sozialen Ordnung träumt, muss auch eine Kultur schaffen, die jenseits der Ungleichheit Brücken baut. Respekt muss man lernen, man kann keinem befehlen, einen anderen Menschen zu respektieren. Ein Ort, an dem dies funktioniert, ist der Ort, an dem ich in London wohne: Clerkenwell. Eine gemischte Gegend mit einer alteingesessenen italienischen Community, einer messbaren Anzahl Pakistanis – und einigen Yuppies von meiner Sorte. Auch die wirtschaftliche Struktur ist gemischt, von Industrie bis zu Künstlern ist alles vorhanden. Gentrification ist kein unausweichliches Schicksal. So haben die Briten sozialen Wohnungsbau auch in Gebieten der Mittelschicht geschaffen – im Gegensatz zu Franzosen oder Deutschen, die ihren sozialen Wohnungsbau an die Peripherie gestellt haben, was schrecklich ist. Andererseits gibt es natürlich in London auch andere Orte, die man anscheinend zu vergessen beschlossen hat. Auch dort müssen Veränderungen vor Ort umgesetzt werden, und genau das ist es, was ich meinen Studenten beizubringen versuche: kleine Interventionen mit offenem Ende.
*Jetzt sind die Leben-Träume auch als Buch erhältlich: »Ich habe einen Traum. Das Beste aus der Leben-Serie«; Verlag Kiepenheuer & Witsch; 18,90 Euro. Das Buch können Sie im Abo-Shop der ZEIT_online bestellen. Eine Auswahl der besten Traum-Fotos zeigt das Berliner Café Einstein Unter den Linden noch bis Ende Dezember.
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- Serie traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 51/2002
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