Albrecht Mentz ist die Ruhe in Person. Seit 1967 ist er als Richter in der Hamburger Justiz tätig. Irgendwann muss der 64-Jährige mal beschlossen haben, all den Angeklagten mit Langmut zu begegnen. Im März ist damit Schluss: Der Vorsitzende Richter des 3. Senats des Hanseatischen Oberlandesgerichtes geht dann in Pension. Bis dahin muss er in seinem letzten Prozess ein Urteil gefällt haben, er ist also etwas in Zeitdruck. Es handelt sich bei diesem Fall wahrscheinlich um das schwierigste Verfahren in 35 Dienstjahren. Es geht um Massenmord, um 3045 Frauen und Männer, die durch die Tat von Terroristen im World Trade Center, im Pentagon und auf einem Acker im US-Bundesstaat Pennsylvania starben.

Auf der Anklagebank in Hamburg sitzt Mounir al-Motassadeq. Die Vertreter der Bundesanwaltschaft halten den 28-jährigen Marokkaner für den „Statthalter“ der Hamburger Terrorzelle, ohne den die Anschläge in den USA nicht funktioniert hätten. Aber die Rechtslage ist kompliziert, die Beweise sind dürftig und die Zeugen nicht zuverlässig.

Einige der Zeugen wollen sich nicht mehr daran erinnern, was sie zuvor bei den Vernehmungen vor der Polizei ausgesagt haben. Ein 22-jähriger arbeitsloser Libanese beispielsweise, wohnhaft in Hamburg, war kurz nach den Anschlägen vom 11.September im pakistanischen Quetta festgenommen und nach Deutschland gebracht worden. Den Polizeibeamten erzählte er von seinem Aufenthalt in afghanischen Ausbildungslagern, die Reise dorthin hatte er nach eigener Aussage mit seinem Arbeitslosengeld bezahlt. Er berichtet von seinem dortigen Zusammentreffen mit flüchtigen Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle.

Aber später, im holzgetäfelten Saal 327 des Hamburger Oberlandesgerichtes, will sich der junge Libanese an nichts mehr erinnern. Richter Mentz liest ihm deshalb seine Aussagen vor, teilweise Satz für Satz. Es hilft nichts. Der Zeuge will dies nie gesagt haben und schwört: „Allah ist mein Zeuge.“

Der Zeuge duzt den Staatsanwalt

Der Richter zeigt dem Zeugen seine Unterschrift. Blatt für Blatt seiner über 100-seitigen Aussage hat der Libanese einst mit seiner Unterschrift beglaubigt.

„Das habe ich nur bei der Polizei gesagt, weil sie mir gedroht haben, die Fußnägel herauszureißen“, behauptet der Zeuge.

„Ach!“, sagt Richter Mentz erstaunt. „Wer hat das zu Ihnen gesagt?“