Plakate, die ein Konzert von Bob Geldof ankündigen, hängen in der Stadt. Ich habe sie gesehen und natürlich überlegt hinzugehen. Dann würde sich vielleicht die Frage klären, ob der Typ an meiner U-Bahnstation, der aussieht wie Bob Geldof, Bob Geldof ist. Fast jedesmal, wenn ich ihn sehe, klaube ich meine Cents aus der Hosentasche. Manchmal sitzt er vor dem Eingang zur U-Bahn auf dem niedrigen Mäuerchen, lehnt sich über seine Knie und hält die hohle Rechte hin. Bei Regen steht er drinnen, zwischen Ticketautomat und der Treppe zu den Bahnsteigen. Meist steht er dann auf einem Bein; das andere hat er angewinkelt, stützt sich damit an der Glaswand ab, gegen die er mit dem Rücken lehnt. Jedesmal, wenn ich ihm das Geld in die Hand lege, geht ein leichter Ruck durch ihn, zappelt er sich ein wenig aufrechter hin. Er schaut einen hastig an, ein fahriger Blick. Manchmal kann man ein Danke hören oder erahnen. Die schwarzen Ränder unter den Fingernägeln sind mir auch schon aufgefallen. Die Länge seiner mageren Hand. Seine Haare sind fast alle grau. Grau wie sein Mantel. Ich diagnostiziere Verwahrlosung. Und er sieht irgendwie aus wie Bob Geldof.Natürlich ist er es nicht, sage ich mir immer. Aber sicher bin ich nie. Das Alter könnte hinkommen. Auf einem Konzert von Bob Geldof bin ich vor fast viereinhalb Jahren letztmals gewesen. Es war ein richtig guter Abend, in Blackpool, jener Vergnügungsstadt an der englischen Westküste, wo die Kids zum Saufen und Toben und ab und an die Labour-Politiker zu Parteitagen hinfahren. Man spürte Geldorfs Versuch, Wiederauferstehung zu feiern, als Musiker. Groß war er mit den Boomtown Rats geworden. A Tonic for the Troops von 1978 ist eine meiner besten Platten im Regal geblieben. Weltberühmt aber hat ihn 1985 das Projekt Live Aid gemacht. Geldof sammelte mit Hilfe anderer in London und Philadelphia auftretender Stars 100 Millionen Dollar für Hungernde in Afrika. Beim Papst war er. Den Friedensnobelpreis erhielt er dann aber doch nicht. Und plötzlich merkte man, dass dem ehemaligen New Waver die Rolle als bester Mensch in der Öffentlichkeit nicht mehr behagte. Er versank. In Blackpool 1998 spielte er engagiert. Und agressiv, direkt. Keine käsigen Statements. Kein Drängen zu gemeinsamem Klatschen. Auf der Bühne einer, der nur als guter Gitarrist, Sänger, Songwriter rüberkommen wollte. Das tat gut. Ich ertrug es wieder, ihn zu mögen.Alle paar Tage steht er bei der Haltestelle. Oder ich sehe ihn manchmal morgens in der U-Bahn aus einem Außenbezirk Richtung City fahren. Fast immer hat er zwei prall gefüllte Penny Markt-Tüten dabei. Keine Ahnung, was er tagsüber treibt. Abends steht er dann wieder da und stellt den Fuß gegen die Glaswand. Meist zwischen sechs und sieben. Ich freue mich, ihn zu sehen.Es könnte ja sein, dass Bob Geldof nun in Hamburg lebt. Wenn ich ins Konzert in der Großen Freiheit gehe, erfahre ich es. Ich könnte auch den Bettler nach seinem Namen fragen. Wie käme diese Frage an? Und würde er sagen: "Ich heiße Bob"? Ich entschließe mich, keine Konzertkarte zu kaufen. Dann wird es auch in Zukunft Bob Geldof sein, dem ich meine Cents rüber schiebe. Bob Geldof, der einst fast den Nobelpreis gewonnen hätte und diese grandiose Hymne des Wahnsinns I Don't Like Mondays komponiert hat. Keine Frage, es ist Bob. Herzlich Ihr Urs Willmann