Offenbar wurmt es manche Tankstellen und Reifendienste, dass Luft immer noch umsonst ist, und man sinnt auf teure Alternativen. Eine Zeit lang war das Gas SF6 in Mode, das allerdings sehr teuer ist und außerdem die Ozonschicht schädigt. Jetzt wird N2 propagiert, reiner Stickstoff, zum Preis von einigen Euro pro Reifen. N2 ist aber just der Stoff, der 80 Prozent der Luft ausmacht. Was soll es bringen, die restlichen 20 Prozent, vornehmlich Sauerstoff, auch durch Stickstoff zu ersetzen?

Die Argumente, die dafür vorgebracht werden, sind zahlreich, und fast alle sind unseriös. Ein verringerter Rollwiderstand des Reifens tritt nur dann auf, wenn zuvor der mit Normalluft gefüllte Pneu ständig mit zu wenig Druck gefahren wurde.

Der dürftige wahre Kern der Stickstoffgeschichte: Die N2-Moleküle diffundieren etwas langsamer, das heißt, sie mogeln sich nicht ganz so leicht durch die Reifenhülle nach außen wie die Sauerstoffmoleküle. Der Druckverlust durch Diffusion macht aber bei einem normalen Reifen allenfalls ein Zehntel Bar pro Jahr aus, sagt der ADAC-Reifenexperte Michael Müller. Und wer seinen Reifendruck nur einmal pro Jahr kontrolliert, handelt sowieso fahrlässig.

Bei häufigeren Kontrollen ist es ja kein Problem, ab und zu mal auf das Plusknöpfchen des Pressluftgeräts zu drücken. Im Gegenteil: Ein Stickstoff-Fahrer, der viel Geld für sein Gas bezahlte, hat vielleicht Hemmungen, sich bei der Druckkontrolle sein teures Gas zu verunreinigen, und fährt daher mit zu wenig Druck weiter. Dann verkehren sich die Argumente für den Stickstoff schnell ins Gegenteil. Christoph Drösser

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