Der 11. Dezember 1875 beginnt verheißungsvoll. Im schönsten Wintersonnenschein präsentiert sich Bremerhaven den eintreffenden Reisenden. Am Überseekai des Norddeutschen Lloyd, der letzten Station vor der Neuen Welt, herrscht Hochbetrieb. Der Dampfer nach New York soll am Mittag auslaufen. Doch als Hunderte von Passagieren, elegante First-Class-Reisende ebenso wie bescheiden gekleidete Auswanderer, aus dem Zubringerzug strömen, ist die Stimmung ungewöhnlich gedämpft. Denn an jenem strahlenden Samstagmorgen ist eben bekannt geworden, dass der Lloyddampfer Deutschland eine Woche zuvor nahe dem englischen Harwich gestrandet war; 58 Tote sind zu beklagen.

Diese Nachricht gibt der See, die man im Zeitalter der großen Dampfer schon bezwungen glaubte, jäh ihre Schrecken wieder. Selbst im Zug nach Bremerhaven noch erwägen ängstliche Reisende nach der Zeitungslektüre ernsthaft, ihre Passage zu stornieren. Doch sie alle finden Trost und Zuspruch bei einem freundlichen Herrn, der, so schildert es ein Zeuge später, "durch eine außerordentliche Corpulenz bei mittlerer Statur auffiel und sich lebhaft an den Gesprächen beteiligte. In gebrochenem Deutsch versuchte er, die Mitreisenden zu beschwichtigen, indem er erzählte, er habe bereits dreißigmal den Ocean durchkreuzt, ohne jemals einen ernstlichen Unfall erlitten zu haben. Das behäbige, gentile Äußere des Mannes mit röthlich blondem Vollbart und goldener Brille, die angenehme Art seiner Unterhaltung wirkten Vertrauen erweckend."

Thomas setzt alles auf eine Karte

Diesem hilfsbereiten Gentleman fällt es leicht, die Zaghaften zu ermutigen, wissen sie sich doch in den allerbesten Händen. Schließlich haben sie ihr Leben dem Norddeutschen Lloyd aus Bremen anvertraut, Stolz seiner Heimatstadt und eine der größten Passagier-Reedereien überhaupt. Im Wettbewerb mit der Hapag aus Hamburg setzt er Maßstäbe für Schnelligkeit, Sicherheit und Service auf See.

So sagt niemand seine Reise ab, zumal zuvorkommende "Lloyd-Beamte" die Ankömmlinge am Hafen empfangen und in einer komfortablen Wartehalle betreuen. Auch zieht das geschäftige Gewimmel alle in Bann. Auf dem bulligen kleinen Schlepper Simson werden schon die Kessel geheizt – vor allem aber liegt da der Dampfer Mosel bereit, mit 106 Metern Länge und gut 3000 Bruttoregistertonnen eines der größten Schiffe der Welt. Die gewaltigen Ausmaße beeindrucken die Reisenden. Neugierig gehen sie an Bord, während die Arbeiter noch mit der Ladung beschäftigt sind, mit Kisten und Fässern.

Eines dieser Fässer macht den Stauern allerdings mehr Mühe als üblich. Das kostbare Ding, es enthält Kaviar im Wert von 3000 Reichsmark, erweist sich als ebenso schwer wie unhandlich, und die Zeit wird knapp. So atmen die abgekämpften Arbeiter auf, als die widerspenstige Ladung endlich am Kran hängt, in allerletzter Minute.

Es ist halb elf Uhr, das Zeichen mit der Schiffsglocke wird gegeben, als das Ensetzliche geschieht: Aus dem dichten Menschenknäuel auf dem Kai schießt eine riesige Feuergarbe, der eine furchtbare Detonation folgt. "Auf der Mosel", berichtet ein Augenzeuge später, "wurden wir sämtlich zu Boden geschleudert, und es vergingen Minuten, bis die Unverletzten sich zu erheben vermochten. In der ersten Betäubung wusste Niemand, was geschehen sei. Ein angstvoller Blick über Bord zeigte an derselben Stätte, welche soeben noch das regste Leben erfüllte, ein Bild, welches an Furchtbarkeit Alles überbot, was die Phantasie sich erdenken kann, ein Bild des unaussprechlichsten Jammers, welches Menschenaugen je geschaut haben: Pferde, Menschen und Wagen waren verschwunden – ein entsetzliches Leichenfeld breitete sich vor uns aus. Thränenden Auges wandten wir uns ab – das Elend war zu groß."

Das Kaviarfass ist eine Höllenmaschine gewesen, 13 Zentner schwer, randvoll mit hoch brisantem Sprengstoff, ausgerüstet mit einem raffinierten Zeitzünder, gebaut, um die voll besetzte Mosel im Atlantik zu versenken – und aufgegeben von jenem gentilen, behäbigen Herrn mit Vollbart, dem Amerikaner William Keith Thomas, der seine Mitpassagiere zuvor noch so freundlich getröstet und zu dieser Reise ermuntert hat.