IRANUns fehlt ein islamischer Humanismus

Der Historiker Haschem Aghadscheri ist am 6. November im Iran zum Tod verurteilt worden. Der Grund: Er hatte öffentlich seine Meinung gesagt. In einer Rede, die wir hier dokumentieren, geißelte er den iranischen Klerus, der zur "totalen Macht" strebe von Haschem Aghadscheri

Es ist mir eine Ehre, heute – am 25. Jahrestag des Märtyrertodes meines Bruders, Freundes und Gleichgesinnten Dr. Ali Schariati – zu euch zu sprechen. Das Thema meiner heutigen Rede ist der islamische Protestantismus.

Seit dem späten 18. Jahrhundert, seit der Ghadjaren-Dynastie, ist unsere Gesellschaft zweigeteilt: Ein Teil der Gesellschaft blieb zurück und entwickelte sich nicht weiter, während ein anderer Teil der Gesellschaft sich mit einer neuen Welt konfrontiert sah, in der sich Wissenschaft, Technik und Industrie entwickelten. Aus dieser Begegnung entstand die Krise der iranischen Intellektuellen: Die Frage war, woher die eigene Rückständigkeit kam und wie sie durch eine eigene Form der Modernisierung überwunden werden konnte.

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Dr. Schariati sah, dass das Hauptproblem des Iran kultureller Art ist. Solange die Kultur und die Denkweise der Gesellschaft sich nicht ändern, können die Regime kommen und gehen, aber kein grundlegendes Problem wird gelöst werden können. Der kulturelle Kern der iranischen Gesellschaft ist aber die Religion. Die iranische Gesellschaft hatte zu allen Zeiten eine religiöse Kultur, sowohl vor als auch nach der Bekehrung zum Islam, sowohl vor der Herrschaft der Safawiden als auch danach, als die meisten Iraner sich zur Schia bekannten. Hier setzt Dr. Schariati mit seinem Projekt des islamischen Protestantismus an.

Er fragte: Was war der christliche Protestantismus? Der Protestantismus, dieser neue Zweig des Christentums, entstand zugleich mit dem Kapitalismus, und er war eine Gegenbewegung zur alten und traditionellen Auslegung des Christentums, zum Katholizismus. Die Reformatoren, jene christlichen Intellektuellen, die den Protestantismus begründeten, präsentierten eine neue Auslegung des Christentums. Sie veränderten die Sicht ihrer Gesellschaft auf die Religion.

Der Protestantismus war eine religiöse Bewegung im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts, und viele ihrer Protagonisten wie Calvin und Luther waren Geistliche und Priester. Aber sie waren Priester, die die Kirche und die Geistlichkeit kritisierten. Die protestantische Bewegung wollte das Christentum aus den Händen des Klerus und die Religion aus den Händen des Papstes befreien.

Die iranischen Geistlichen und ihr Hang zum Luxus

Wir Muslime brauchen keinen Vermittler zwischen uns und Gott. Zum Verständnis der Heiligen Schrift brauchen wir keinen Vermittler. Gott und sein Prophet haben direkt zum Volk gesprochen. Wir brauchen nicht zum Klerus zu gehen. Jeder ist sein eigener Priester.

Das Projekt eines islamischen Protestantismus, das Dr. Schariati in seinen Abhandlungen entwirft, ist natürlich mit dem christlichen Protestantismus nicht in allen Einzelheiten deckungsgleich. Ein wesentlicher Teil des Werks von Dr. Schariati bestand darin, zwischen dem "Kern des Islam" und dem "überlieferten Islam" zu unterscheiden. Er lehrte, dass viele Dinge, die von den Geistlichen als religiöse Sitte des Islam bezeichnet werden, nicht zum Kern des Islam, sondern zur Tradition zählen. Der traditionelle Islam besteht aus den gesammelten Gedanken und Erfahrungen der Geistlichen und Gelehrten der letzten Jahrhunderte. Bloß weil diese Zeugnisse aus lange vergangener Zeit kommen, werden sie oft als heilig angesehen.

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