Wie der Mann aussah, der unter meinem Bett lauerte, wusste ich genau. Aus einem Kinderbuch. Schon mein Vater hatte diese Witzfibel als kleiner Junge geliebt, entsprechend altmodisch waren die Karikaturen. Auf einer streckte ein hagerer Alter mit Zipfelmütze, versunken in mächtigen Kissen, die Hand neben seinem Nachtlager aus in dem Glauben, dass sein treuer Dackel sie zutraulich schleckt: »Beruhige dich, Emilie, es ist nur der Hund!« Von wegen, die eklige Zunge gehörte einem hinterlistigen Einbrecher. In der gezeichneten Schwärze des Raums unterm Bett war er kaum zu erkennen. Mir aber stand er klar vor Augen, der räudige Kerl mit Stoppelbart, Augenklappe und Messer im Gurt. Unfassbar gefährlich. Sogar seinen strengen Geruch hatte ich in der Nase. Er war der Hauptdarsteller meiner Angst im Dunkeln.

Eine Zeit lang lag ich als kleines Mädchen praktisch jede Nacht in hellem Alarm, stocksteif und mit heißem Gesicht. Unruhig suchten die wachen, zugleich wie erblindeten Augen die Finsternis meines Zimmers nach den Konturen vertrauter Gegenstände ab. Doch mit wachsendem Horror entdeckte ich nur, dass sich der Spalt der leicht geöffneten Tür gerade ein wenig verkleinert hatte. Atemlos starrte ich auf dieses einzige Quäntchen Helligkeit. Da, schon wieder bewegte sich der Lichtstreifen. Eindeutig. Oder doch nicht?

Aber wenn ich jetzt aus dem Bett steige, um zu den Eltern zu fliehen, dachte ich, dann wird dieser gefährliche, stoppelbärtige Räuber unter meinem Bett sofort brutal meine Beine wegziehen. Sollte ich unerwartet verschont bleiben, dann nur, weil er heute vor meinem Fenster auf der Lauer liegt. Im Herbstwind höre ich ihn deutlich rascheln und auch schon leise an der Jalousie rütteln, die er gleich nach oben schieben wird. Oder hockt er längst hinter dem Geländer der endlos sich ins untere Stockwerk windenden Treppe?

Das dunkle Stiegenhaus. Wenn man sich hinabwagte, natürlich auf Zehenspitzen, dann wurde es erst richtig schaurig. Bis heute ist mir jede Station auf der Strecke zum elterlichen Schlafzimmer ins Gedächtnis gebrannt: der Hausflur mit zitternden Schatten, die das milchige Licht der Straßenlaterne warf. Türen, die sich jederzeit öffnen konnten. Der eiskalte Boden in einem tiefen Gang, der sich immer mehr verfinsterte. Mittendrin ein wallender Vorhang, welches Dunkel mochte er erst verhüllen!

Unmöglich, diesen Weg des Grauens hinter mich zu bringen. Einfach liegen bleiben konnte ich auch nicht. Erst recht geriet ich bei der Vorstellung in Panik, die Bettlampe einzuschalten und die ganze Wahrheit zu sehen. Ich war in der Falle. Bis zur Gnade der Morgendämmerung.

Dieses Kind in mir ist nie ganz erwachsen geworden. Besonders in fremden Wohnungen und Hotels zittre ich noch heute. Dass die Bedrohung nicht mehr wie der Bilderbuchräuber aussieht, mildert die Angst kaum.

Philosophen erklären sie mit der existenziellen Erfahrung von Einsamkeit und Ausgeliefertsein, in die uns die Dunkelheit wirft. Evolutionsbiologen suchen den Ursprung an jenem Wendepunkt der Entwicklungsgeschichte, als der Mensch die Geborgenheit der Baumwipfel verließ und hinauszog in die Freiheit der offenen Savannen – um den Preis abgrundtiefer nächtlicher Furcht, besonders vor dem, was uns von hinten anspringen könnte. Das archaische Programm spiegelt sich kulturell in der Metaphorik der Dunkelmänner und Schwarzhemden, der finsteren Gestalten und Wahrheiten, die im Dunkel bleiben.

Neurologen preisen die Präzision, zu der Hormone und Botenstoffe bei Gefahr unsere Wahrnehmungsfähigkeit steigern. Soll mich das beruhigen? Psychologen haben wie immer ein seelisches Defizit auf dem Kieker: Da müssen fehlendes Urvertrauen oder die Angst vor Kontrollverlust bloß therapeutisch überwunden werden. Als wäre das Unvorhersehbare, das Unberechenbare, Unheimliche irgendwie zu domestizieren. Als ließe sich die Melange aus inneren Bildern und Fantasien einfach zügeln, mit der Leute wie ich, Licht aus, Film ab, das Nichts der Dunkelheit ausfüllen.