Wissen Die zweite Wahl
Lerneifrige Chinesen zieht es zu Zehntausenden nach Deutschland. Doch die hiesigen Universitäten versäumen die Chance, die besten anzuwerben
Vor dem alten Pekinger Lehrgebäude sind die Pfützen zwischen den Fahrradständen gefroren. Drinnen hocken unter flackernden Neonröhren neun Studenten, in ihre Mäntel gehüllt, und lernen Deutsch. „Deutschland liegt in der Mitte Europas“, liest eine junge Dozentin der Pekinger Fremdsprachenuniversität vor. Neun Stimmen mit Akzenten aller Landesteile Chinas wiederholen den Satz. Solche Unterrichtsszenen wiederholen sich zurzeit in vielen Teilen Chinas. In Tausenden Sprachkursen bereiten sich die jungen Eliten der Volksrepublik darauf vor, auszuziehen und dem Westen Paroli zu bieten.
Chen Hui wirkt auf den ersten Blick so zart, als müsse man sie vor der Welt in Schutz nehmen. Doch das 1,48 Meter große Persönchen mit kurz geschnittenem Bubikopf weiß genau, was sie will: im Ausland studieren. „Muss man sich als Chinesin vor den Neonazis in Deutschland fürchten?“, fragt die 23-jährige Architekturstudentin und zaubert ein Lächeln auf ihr Gesicht, mit dem sie jeden ihrer zukünftigen Professoren in Deutschland um den Finger wickeln dürfte.
Vom „Siegeszug asiatischer Studenten durch die amerikanischen Universitäten“ sprach der Philosoph Jürgen Habermas während seines China-Besuchs vor knapp zwei Jahren. Nun nehmen die Sieger Deutschland ins Visier. In Zahlen, wie sie für den Studentenaustausch zwischen Europa und dem fernen Ostasien vor wenigen Jahren unvorstellbar schienen, drängen chinesische Studenten an deutsche Universitäten. Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) gingen bei deutschen Universitäten im vergangenen Jahr allein 70000 Bewerbungen aus China ein – ein absoluter Rekord.
Das chinesische Zeitalter in Deutschland begann pünktlich mit der Jahrtausendwende. Seither stellt das ostasiatische Riesenreich den höchsten Anteil unter den Auslandsstudenten. So waren im Wintersemester 2001/02 offiziell 13500 Chinesen an deutschen Unis eingeschrieben, was einer Steigerungsrate von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Hinzu kommen etwa siebentausend chinesische Sprachschüler sowie drei- bis viertausend chinesische Wissenschaftler, die sich zu Forschungszwecken in Deutschland aufhalten. Der Trend hält auch in diesem Jahr an.
Neun von zehn wollen ins Ausland
Unter den Studentenanträgen, von denen 2002 10200 bewilligt wurden, wird sich im kommenden Jahr auch der Antrag von Chen Hui befinden. „Um ehrlich zu sein“, gesteht die Tochter einer Pekinger Mechanikerfamilie, „bereite ich mich auf Deutschland vor, weil mein Visumantrag für die USA dreimal hintereinander abgelehnt wurde.“ Der Studienort Deutschland ist unter chinesischen Studenten nicht beliebt. „Fast alle treffen ihre erste Wahl für die USA“, berichtet Wang Haibo, der an der New Oriental School, einer privaten Sprachschule in Peking, die Sprachtest-Abteilung leitet. 250000 Kursteilnehmer nehmen hier pro Jahr spezielle Englischstunden zur Vorbereitung auf die Sprachprüfung, die für den Studienaufenthalt in den USA obligatorisch ist. Nur 1000 Studenten der New Oriental School lernen zu gleichen Zwecken Deutsch. Allerdings hat Deutschland einen großen Vorteil gegenüber den USA. „Die fehlenden Studiengebühren sind der wichtigste Grund, warum es chinesische Studenten nach Deutschland zieht“, glaubt Wang. Allgemein aber gelte das Land bei den Studenten als „zu ernsthaft, menschlich kalt und gefährlich“. Auch Wang kommt auf die Neonazis zu sprechen, über deren Ausschreitungen gegen Asiaten chinesische Medien prominent berichten.
Doch eine Kämpfernatur wie Chen kann das nicht abschrecken. Von klein auf hat sie gelernt, jede Chance zu nutzen. Der eiserne Studierwille ist weltweit zum Markenzeichen chinesischer Studenten geworden. Chen erklärt, woher der Eifer kommt: „In China wird nichts verziehen. Du musst nur einen Fehler machen, und schon kannst du in bittere Armut fallen.“ Chens Fehler auf dem Weg nach oben wäre jetzt, nachdem sie schon fließend Englisch sprechen gelernt hat, das Auslandsstudium aufzugeben. Also lernt sie Deutsch.
„Wer die Zulassung für eine ausländische Universität und ein Visum erhält, verlässt das Land“, beschreibt Thomas Schmidt-Dörr, Leiter der DAAD-Außenstelle in Peking, den Massenexodus der jungen Eliten Chinas. Nach Angaben der Pekinger Behörden befindet sich rund eine halbe Million Chinesen zum Studieren und Lernen im Ausland. Der Glaube, dass ein Auslandsstudium der goldene Weg zu Bildung, Reichtum und Ansehen ist, trägt Züge einer Volksreligion: Laut einer Umfrage im Auftrag des Nationalen Statistikamts wollen 89,5 Prozent aller jungen Chinesen im Ausland studieren. Nur 10,5 Prozent ziehen eine heimische Universität vor.
Eine urchinesische Tradition erklärt den Drang nach Wissen. „Zu lernen und das Erlernte immer wieder zu üben – erfreut das etwa nicht?“, sprach Meister Konfuzius im 5. Jahrhundert vor Christus. Seit seiner Zeit stieg in die höchsten Staatsdienste Chinas nur auf, wer Zugang zu Bildung hatte und die harten kaiserlichen Zulassungsprüfungen bestand. „Dieses Bildungsideal setzt sich heute fort“, beobachtet Schmidt-Dörr. „Bildung gilt als Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben.“ Solange die Chinesen jedoch fast ausschließlich die Schriften Maos und Marx’ studierten, lief ihr Bildungseifer ins Leere. Erst seit 1992, dem Jahr, in dem den Universitäten weitgehende Lehrplanfreiheit gewährt wurde, ist das anders. Inzwischen kann man sogar an der Pekinger Parteihochschule westliche Management-Methoden lernen. Doch bei allem Fortschritt weiß man: Das Original ist besser als die Kopie. Also geht das Auslandsstudium vor.
Dabei weiß Chen als Absolventin der renommierten Pekinger Tsinghua-Universität, dass es „auch im Ausland nicht leicht ist, eine bessere Uni zu finden“. Auf Studierende wie Chen sind deutsche Universitäten geradezu erpicht. Denn die Abgänger der chinesischen Elite-Einrichtungen gehen bislang fast ausschließlich in die USA. Dort werden ihnen die Studienbeihilfen geradezu nachgeworfen. Auch Chen besaß für das laufende Semester zwei Vollstipendien amerikanischer Unis. Doch seit dem 11. September 2001 spielen die amerikanischen Einwanderungsbehörden nicht mehr mit. Die Zahl der in Peking ausgegebenen US-Studentenvisa fiel von 19122 im Jahr 2001 auf 17570 in diesem Jahr. Und da die Zahl der Bewerber ständig steigt, erscheint selbst ein geringfügiger Rückgang der Visa-Erteilungen so, als täten sich neue Mauern auf. Chinesische Studenten sprechen längst von der „Festung Amerika“.
Nur ein Drittel kehrt zurück
Deutsche Universitäten sehen darin ihre Chance: Die chinesischen Studenten können helfen, Lücken in Fächern wie Physik, Chemie oder Ingenieurswissenschaften zu füllen. Auch wird man hierzulande bald über ein Einwanderungsrecht verfügen, das ausländischen Wissenschaftlern erlaubt, sich langfristig in Deutschland niederzulassen. Das allerdings ist in China bislang kaum bekannt. Dabei ist diese langfristige Perspektive – trotz aller Pekinger Regierungspropaganda für die Rückkehr der Eliten – entscheidend, wie die Statistik zeigt: Zwei Drittel aller chinesischen Auslandsstudenten kehren nach Ende des Studiums nicht in die Heimat zurück.
Doch während Universitäten aus England oder Australien eigene Bewerberseminare durchführen, während Abgesandte von US-Hochschulen, mit Boschüren und Stipendien im Gepäck, Spitzenstudenten abwerben, hat bislang keine einzige deutsche Universität diesen Schritt gewagt. „Nicht einmal an einen vernünftigen Internet-Auftritt in chinesischer Sprache wird an deutschen Universitäten gedacht“, beobachtet ein deutscher Diplomat in Peking. Den ersten Versuch gezielter Werbung unternahm in diesem Herbst eine vom DAAD veranstaltete deutsche Universitätsmesse in Peking und drei anderen Großstädten. Doch Folgeveranstaltungen sind bislang nicht geplant.
Wenig hilfreich sind zudem Kampagnen wie die des Landes Niedersachsen. „Null Studiengebühren für einen Master-Abschluss“, lautete der Werbeslogan, den eine chinesische Agentur im Auftrag Hannovers geschaltet hatte. Er hat dem Ansehen des Studienstandorts Deutschland unter chinesischen Studenten geschadet. Denn was nichts kostet, ist nichts wert. „Dass in Deutschland selbst die weltbesten Universitäten für das Ingenieurswesen gratis ausbilden, ist für chinesische Studenten schwer verständlich“, erklärt ein deutscher Diplomat in Peking. „Zumal ihre Eltern in der Regel das ganze Familienvermögen für die Ausbildung ihres Kindes zur Verfügung stellen.“
Das Billigimage lockte in jüngster Zeit auch solche Studenten nach Deutschland, denen es an elementaren Fähigkeiten fehlt. So sehr waren deutsche Universitäten von chinesischen Studenten enttäuscht, dass einzelne Hochschulen noch im vergangenen Jahr erwogen, einen generellen Aufnahmestopp für Chinesen zu verhängen.
Die Ursache des Problems lässt sich im zehnten Stock eines Pekinger Hochhauses erforschen, wo die Studien-Vermittlungsagentur China-Star große Büros angemietet hat. An den Wänden hängen Poster von Privatuniversitäten aus aller Welt – als Geldanlage für zahlungskräftige chinesische Eltern. Einen hinter Milchglasscheiben versteckten Empfangssaal hat man eigens für Interessenten eines Studienaufenthalts in Deutschland reserviert. Drei Damen grüßen freundlich – doch haben sie derzeit nur ein Sprachstudium an der Technischen Universität Braunschweig zu bieten, mit der China-Star einen Kooperationsvertrag unterhält.
Der Grund für die Vermittlungsflaute ist das Eingreifen des Auswärtigen Amtes in Berlin. Bereits im vergangenen Jahr hatte die deutsche Botschaft in Peking erkannt, dass private chinesische Vermittlungsagenturen wie China-Star mit dubiosen deutschen Partnern zu Tausenden junge Chinesen mit gefälschten Universitätszeugnissen nach Deutschland einschleusten, um für das Arrangement einer im Prinzip kostenlosen Universitätszulassung fünfstellige Euro-Summen zu kassieren. Erst die Einrichtung einer Akademischen Prüfungsstelle (APS) in der deutschen Botschaft in Peking schob dem Treiben einen Riegel vor. Seit dem Frühjahrssemester 2002 muss nun jeder Chinese, der an einer deutschen Universität studieren will, Zulassungszeugnisse und Sprachkenntnisse von der APS testen lassen. 27 hauptamtliche Dozenten prüfen hier die Studienanträge, um am Ende etwa ein Viertel von ihnen abzulehnen.
Die Kontrollbehörde ist eine typisch deutsche Antwort auf den chinesischen Bildungsboom. Statt die besten Studenten anzuwerben, schafft sie bürokratische Hürden, um das Schlimmste zu vermeiden – dass nur die dümmsten Chinesen nach Deutschland kommen. So könnten Deutschland und China eine historische Gelegenheit versäumen: Nach der selbst gewählten Isolierung der USA infolge des 11. September böte sich die Chance für eine langfristige systematische Vernetzung der akademischen Eliten.
Denn noch gibt es Studentinnen wie Chen Hui. Ihr Lieblingsarchitekt ist übrigens Ludwig Mies van der Rohe – einer, dessen moderner Baustil auch in China Zeichen setzen würde.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 52/2002
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