Gleich wird es dunkel. Es ist vier Uhr nachmittags, der Leiter des Grünflächenamtes Tiergarten steht vor seinem Haus im Tiergarten und legt zur Begrüßung einen Finger auf die Lippen. Da oben in dem Baum soll irgendwo ein Vogelhäuschen hängen, von dort würde die Eule ihre nächtlichen Jagdflüge beginnen. Leise jetzt. In der Ferne das Rauschen der Straßen, die den Tiergarten sechsteilen. Warten. Die Konturen des Baumes lösen sich bereits gegen den Himmel auf. Dann, ganz lautlos, fällt aus der Dämmerung etwas Dunkles.

Das Tageslicht ist um diese Zeit auf 30 Lux abgesunken. An den Rändern der Stadt sind auf alten Umspannwerken vier Dämmerungsschalter installiert. Wenn der Tag zu Ende geht, wird von hier ein elektrischer Impuls an die Schaltzentrale der Berliner Elektrizitätswerke weitergeleitet. Sekunden später leuchten in der ganzen Stadt 180000 elektrische Laternen und 43000 Gaslaternen. In keiner deutschen Stadt gibt es mehr Gaslaternen als in Berlin. Man kann sie jetzt sogar hören, als kleines Tocken, wenn eine Elektrode den Funken erzeugt, der das Gas entzündet.

Der Sonnenuntergang ist auch die Zeit für das Abendgebet der Muslime. Anderthalb Stunden später, im Winter also um halb sechs, folgt das Nachtgebet. Meist wird es von einem Muezzin für die Gemeinde gesprochen. Selten wird für bestimmte Menschen gebetet, sondern fast immer für die ganze Menschheit oder für den Weltfrieden. So beginnt die Nacht in Berlin.

Viele Berliner finden, dass ihre Nacht zu dunkel ist. Wenn sie dann zu ihren Laternen aufschauen, sehen sie, dass dort nur noch eine von zwei Lampen brennt. 300 Jahre lang ist die Stadt immer heller geworden, aber vor 25 Jahren wurde sie wieder dunkler. Nach der Ölkrise wollte man einfach jede zweite Straßenlaterne abstellen, aber dann wurde diese Lösung wieder verworfen, »unter Berücksichtigung der Gleichmäßigkeit«, sagt Jürgen von Gfug, der Leiter der Arbeitsgruppe Öffentliche Beleuchtung im Bezirksamt Mitte. Stattdessen wurde einfach eine von zwei Lampen in jeder Laterne abgeschaltet. »Sodass es jetzt eben gleichmäßig dunkel ist.«

Die Geschichte Berlins ließe sich an ihren Straßenlaternen erzählen. Um die 100 Leuchtentypen (und 50 verschiedene Maste) gibt es in der Stadt, nach der Wende kamen noch vier Ostberliner Modelle hinzu. Die ältesten, gusseiserne »Schinkel-Laternen«, stehen seit 1876 in Charlottenburg. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden über die ganze Stadt mondartige Leuchtkugeln verteilt. Schön sah das aus, fand man damals, aber in den achtziger Jahren galten die Monde dann als unökologisch, weil darin die Insekten verbrennen. Seitdem wird wieder Orange bevorzugt.

Das orangefarbene Licht wird mit Natriumdampf erzeugt. In den Siebzigern ist es farbkorrigiert worden, allerdings nur im Westteil der Stadt. Davor sahen die Berliner in der Nacht aus »wie Tote«, sagt von Gfug – bis zur Wende waren es dann nur noch die Ostberliner. Na ehrlich. Leichengrau. Aschfahl. Fürchterlich.

Vor drei Jahren wurde das Licht von Berlin privatisiert. Seitdem ist für die Beleuchtung ein Gemeinschaftsunternehmen aus Thyssen Krupp und Alba (einer Recyclingfirma) zuständig. Nur rumärgen muss sich immer noch Herr von Gfug damit, weil die Leute natürlich bei ihm anrufen, wenn etwa eine Laterne angefahren wurde und tagelang nichts passiert.

»Also die Beleuchtung ist zurzeit…«, er nimmt einen Ordner vom Schreibtisch und verlegt ihn auf den Nebentisch, »das weiß ich durch den ständigen Gedankenaustausch mit unserer Betreiberfirma: Es wird versucht. Es wird versucht…«, er öffnet einen Hängeregister und findet darin die erlösenden Worte: »die Optimierung des Qualitätsmanagements unter Berücksichtigung der Kundenwünsche…«