Seit Jahr und Tag höre ich immer wieder, an den deutschen Nachkriegsschulen sei der Geschichtsunterricht mit der Reichsgründung von 1871 mehr oder weniger zum Stillstand gekommen – des Rest sei meistens Schweigen gewesen. Jedenfalls bis 1968. Bei mir, Abiturjahrgang 1963, war das ganz anders gewesen. Das hatte gewiss auch mit dem Typ von Schule zu tun – mit einem von Kurt Hahn gegründeten Internat, also von jenem Reformpädagogen, der schließlich vor Hitler emigrieren musste. Das hatte aber auch zu tun mit Herrn Hasselhorn. Wie war nur sein Vorname gewesen?

Neulich fiel mir ein Beweisstück von Herrn Hasselhorn in die Hände. In meinem Erfurter Seminar über Thomas Hobbes musste ich – Gesellschaftsvertrag! – einen Seitenblick in mein zerlesenes Exemplar von Rousseaus Contrat Social werfen. Dabei rutschten zwei verblasste Blätter im DIN-A4-Format heraus. Das eine, von eigener Hand, offenbar zum Zwecke eines Kurzreferats (oder zum Abschreiben bei einer Klassenarbeit, aber bei uns in Salem wurde nie abgeschrieben, Ehrensache!) mit Stichworten bekritzelt, und zwar über Thomas Hobbes. Aus heutiger Sicht: recht sachgemäß. Das spricht allein für den Unterricht von Herrn Hasselhorn. Das Rousseau-Bändchen hatte ich, laut Exlibris, zu Beginn der Unterprima angeschafft, also in der Ära Hasselhorn. Dann aber das zweite Blatt: einer jener karierten Bogen, auf denen Hasselhorn Stunde für Stunde seinen Unterrichtsstoff in einem Diagramm darstellte – zwecks Herstellung eines Tafelbildes.

Auf dem nun aufgefundenen Exemplar finden sich, in drei Strängen von oben nach unten dargestellt, die Entwicklungslinien zur deutschen Demokratie. Links: Montesquieu und das Folgende. In der Mitte der angelsächsische Strang, einsetzend bei der Magna Charta, sich teilend nach der Petition of Rights in den eigenständigen amerikanischen und den weiterführenden britischen. Und rechts: die Entwicklung des deutschen Bürgertums. Oben rechts in der rechten Ecke die Hauptelemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Keine Stunde, in der Herr Hasselhorn nicht mit einem solchen Blatt, zweifach penibel gefaltet, vor uns trat – kein Stoff, den er nicht solchermaßen in Strukturen zerlegte und in Entwicklungslinien wieder zusammenfügte: Nationalismus, Histomat, Diamat, Rassenideologie. In meinen Beständen aus jener Unterrichtszeit fanden sich nicht nur der Rousseau, sondern zudem Hegels Rechtsphilosophie, aber eben auch Walter Hofers zwei Daten- und Dokumentenbände über das "Dritte Reich".

Da wurde offenbar nichts ausgelassen, verdrängt oder beschwiegen. Und dass wir über den Widerstand gegen Hitler ins Bild gesetzt wurden, verstand sich bei der Geschichte der Schule von selbst.

Aber Hasselhorn stand auch ein wenig quer zum Milieu unserer Schule. Es hieß von ihm raunend, er stehe irgendwie ziemlich "links", habe angeblich sogar schon, oho!, in der Frankfurter Rundschau geschrieben. Das galt in unserem Internat damals (heute ist das bestimmt völlig anders) fast schon als revolutionär. (Nur einer von uns las regelmäßig den Spiegel – auch das eher zersetzend.) Hasselhorn aber hatte unsere Achtung gewonnen, weil er von seinem Stoff leidenschaftlich erregt war, präzise, pünktlich und systematisch unterrichtete. Wie er da hager vor uns stand, das schwarze Haar streng nach hinten gekämmt: in der einen Hand aufrecht seinen Zettel, immer straff in der Haltung, innerlich und äußerlich.

Aber wie kam ich in den bleibenden Besitz seines einen Zettels über die "Dtsch.Demokratie"? In den Tagen unseres schriftlichen Abiturs war Hasselhorn mit einer jüngeren Klasse auf Skifreizeit im Kleinen Walsertal und brach sich beide Unterschenkel. Wie sollte er nun seine Abi-Klasse auf das Mündliche vorbereiten?

Da wurde ich vor jeder Geschichtsstunde als Klassensprecher der OI (für Nach-68er: der Oberprima) an sein Klinikbett in Überlingen bestellt, bekam den jeweils "zuständigen" DIN-A4-Zettel und zusätzliche Instruktionen ausgehändigt – auf dass wir nun den Stoff untereinander fleißig repetierten, ein paar Wochen lang. Ob er uns dann wirklich im Gips liegend prüfte, das weiß ich nicht mehr. Auch nicht, wie die vielen Jahrgänge nach uns ohne meinen (seinen) Zettel die Entwicklung zur Demokratie in Deutschland verfolgen sollten. Und leider gar nicht, ob der gute Mann und Lehrer heute noch lebt.