Wenn um Natalie Mocke herum die 7. Symphonie von Anton Bruckner braust, letzter Satz Finale, dann denkt die Bratscherin bis zum Schluss: Bloß das Handgelenk locker lassen, die Muskeln entspannen. Das Publikum genießt verzückt, Natalie Mocke und ihre Kollegen leisten körperliche Schwerstarbeit fürs berauschende Fortissimo. Die Bratschen haben rund 60 Takte Tremolo zu spielen, fast ohne Pause. Das bedeutet: mehrere Minuten den Bogen so schnell und oft so laut wie möglich über die Saite flitzen lassen. Wer da nicht aufpasst, bekommt einen Krampf im rechten Arm. Also um jeden Preis haushalten mit der Kraft. "Wenn 30, 40 Streicher auf einmal spielen", sagt die Berufsmusikerin heute, "dann muss ich nicht drauflossägen."

Diese Gelassenheit hat sie sich schmerzhaft erarbeitet. Als das Bratschespielen zum ersten Mal wehtat in der Schulter und im verspannten Nacken, da war die Musikerin 16 Jahre alt. Doch schon damals gab es keinen Weg zurück: "Ich wollte auf jeden Fall Bratsche studieren." Heute, zwanzig Jahre und Tausende Stunden am Instrument später, spielt Natalie Mocke in einem städtischen Orchester und versucht, den Schmerz in Schach zu halten. Mit Kollegen hat sie selten über die Beschwerden gesprochen: "Sonst ist schnell der Stempel drauf: nicht belastbar, unzuverlässig." Ihren richtigen Namen will die Bratscherin deshalb lieber nicht in der Zeitung wissen.

Dabei macht der Beruf viele Musiker krank: Beim Blasen von Trompete, Klarinette oder Tuba entsteht im Brustkorb ein hoher Luftdruck, der Herz und Kreislauf belastet. Ehrgeizige Pianisten trifft schon mal der "Musikerkrampf" – fokale Dystonie, bei der einzelne Finger am Klavier streiken. Der Bach-Interpret Glenn Gould soll daran gelitten haben. Streichern schließlich, vor allem Bratschern, können Skeletterkrankungen oder Verspannungen das Leben schwer machen.

Die typische Musikerlaufbahn begünstigt den Schmerz: Zu spielen beginnen die meisten schon als Kind, damit sie später überhaupt eine Chance haben auf dem überfüllten Markt. Von Anfang an stundenlanges Üben – im Unterricht zählt die Leistung und nicht die Prävention späterer Beschwerden. Bis der Schmerz sich nicht mehr leugnen lässt. Die Geplagten gehen dann zum Orthopäden, zum Internisten oder Allgemeinmediziner – eine Odyssee meist ohne Heilungserfolg. "Da werden nur die Symptome kuriert und nicht die Ursachen", kritisiert Helmut Möller.

Der Allgemeinarzt, Psychoanalytiker und Cellist hat deshalb das Kurt-Singer-Institut für Musikergesundheit in Berlin ins Leben gerufen, das mit dem laufenden Wintersemester seinen Betrieb aufgenommen hat. Getragen wird die Einrichtung von der Hochschule für Musik Hanns Eisler und der Universität der Künste. Benannt wurde sie nach dem Berliner Arzt Kurt Singer, dem Chorleiter und späteren Vorsitzenden des jüdischen Kulturbundes in Berlin, der 1926 sein Buch Berufskrankheiten der Musiker veröffentlichte. Unter Möllers Leitung kümmern sich am Institut Physiotherapeuten, Entspannungslehrer und Spezialisten für die Stimme sowie Sportphysiologen um kranke Künstler und angehende Profis.

Zu tun gibt es genug: Allein in Berlin arbeiten rund 4000 Berufsmusiker, bundesweit etwa 11500, dazu kommen 25500 Musikstudenten. Bis zu 80 Prozent der Orchestermusiker, das haben verschiedene Untersuchungen ergeben, leiden an berufsbedingten Beschwerden. Eine Zahl, die Möller als "sehr problematisch" bezeichnet: "Damit stigmatisiert man eine ganze Berufsgruppe."

So anstrengend wie Leistungssport

Eine Berufsgruppe, die medizinisch unterversorgt ist: Nur wenige Ärzte haben Erfahrung mit typischen Musikerleiden. Und herkömmliche Methoden helfen kaum. Ein Hornist mit chronischer Herpes? Die Bläschen verschwinden oft nur, wenn der Mann beim Spielen den Druck auf die Lippen reduziert. Ein Geiger, wochenlang krankgeschrieben wegen Sehnenscheidenentzündung? Dessen Finger werden steif, die Intonation wird schlechter.