Mainz bleibt Mainz und wird nicht Paris. Dabei hatten Hoffnungen bestanden. Hochfahrende Planer wollten aus Anlass der Runderneuerung der Mainzer City aus der Ludwigstraße (der "Lu") zwischen Dom und Schillerplatz eine "Mainzer Champs-Élysée" machen. Die Platanen waren schon gefällt. Schicke Steinplatten verlegt. Es fehlte nur noch eins: Licht.

Glamouröses, strahlendes, Pariser Licht. Gleißen! Blendende Versprechungen!

Doch wer in dieser Stadt eine neue Lampe anknipst, muss mit Professor Eisenbeis rechnen. Eine Parade von strahlenden Leuchttürmen in der Mainzer City? Nicht mit Eisenbeis! "Ich habe mich damals zu Wort gemeldet…das ging mehrfach durch die Presse…" Und dann war er entschieden, der "Mainzer Lichtkrieg".

Gerhard Eisenbeis kämpft für Insekten. Und gegen helle Leuchten. Dagegen, dass die meisten Insekten durch künstliches Licht desorientiert sind, in ihrer Fortpflanzung gestört und schließlich massakriert werden. Dass viele Leuchten, sagt Eisenbeis, "wie ein Staubsauger die Natur leer saugen, und für viele Insekten ist das ein One-Way-Ticket".

Eisenbeis steht auf dem zentralen Gutenbergplatz vor dem Staatstheater im gelblichen Schimmer von vier etwa zehn Meter hohen Kompromissleuchten, eher Skulpturen als Lampen. Drum herum eine Parade von bescheidenen Funzeln. Mainz erinnert weiterhin eher an Mainz. Stolz, Herr Eisenbeis? "Vielleicht war das auch mein Erfolg", sagt der 59-jährige Zoologe der Uni Mainz bescheiden. Er weiß, dass er auf der richtige Seite steht. Auf der Seite der Tierschützer, mancher Mediziner, fast aller Astronomen, die mit ihren Ferngläsern die Milchstraße nicht mehr finden, und der Dark-Sky-Weltorganisation samt allen nationalen Gliederungen. Deren Wehgeschrei wird immer lauter: Es ist zu viel Licht auf der Welt! Unsere Nächte sind vom Licht verschmutzt! Und es wird immer mehr!

Los Angeles, sagt Eisenbeis. Auf einem nächtlichen Foto, aufgenommen vor 90 Jahren, sieht die Stadt noch aus wie eine Stadt bei Nacht. Auf einem Foto aus diesem Jahr ist etwas zu sehen, das aussieht wie ein gigantischer Flächenbrand. Nicht nur Los Angeles. Kiel, sagt Eisenbeis mit erregter Stimme, nehmen Sie Kiel. 1948 zählte man dort noch 480 Straßenlaternen. 1998 waren es 20 000. Was braucht man Tageshelle rund um die Uhr? Man müsse etwas tun gegen die globale Lichtverschmutzung! Die, fürchten manche Ärzte, könnte auch negative Auswirkugen auf den Biorhythmus des Menschen haben.

Wenn Insekten fliegen, haben sie nur Sex im Kopf

Dass Licht schädlich sein kann, beweist aber am augenfälligsten das Schicksal der nachtaktiven Insekten. 150 Billionen von ihnen verenden alljährlich allein an deutschen Straßenlaternen! Das hat der Professor Eisenbeis mal ausgerechnet. Eine gewaltige Zahl, auch wenn ihre Bedeutung für die Gesamtpopulation völlig im Dunkeln bleibt. Allein 90000 Insektenarten sind bisher weltweit bestimmt, bis zu 80 Millionen Arten vermuten Experten insgesamt. Die Zahl der einzelnen Exemplare allein in Deutschland auch nur zu schätzen wäre ein hoffnungsloses Unterfangen.

Dennoch, das Thema des Nachtspazierganges mit Eisenbeis ist klar: "Gutes Dunkel, böses Licht". Nun ist auch in Mainz Vorweihnachtszeit. Festbeleuchtung überall. Doch der Insektenfreund ist kein Unmensch. "Ich glaube nicht, dass man den Leuten die Weihnachtsbeleuchtung verbieten kann. Abgesehen davon, fliegen jetzt auch keine Insekten." Dass man das Problem nicht sieht, macht es nicht kleiner. Insekten fliegen, wenn es warm ist und sie auf dumme Gedanken kommen. Dann haben sie nur Sex im Kopf und brummen durch die Nacht. Ihre hoch sensiblen Augen sehen auch bei Sternenlicht noch genug. Um sich nicht zu verfliegen, haben sie stets Mond und Sterne im Blick. Sie fliegen möglichst immer in einem bestimmten Winkel zum Orientierungslicht. Und dann das: weiße Kugelleuchten!