Im Sommer vor zwei Jahren nahm das Unheil seinen Lauf. Es war ein subtropisch warmer Tag in Bonn, und Rainer Baake, Staatssekretär im Umweltministerium, stand kurz vor seinem größten Erfolg. Monatelang hatte er in Berlin und anderswo mit den Energiekonzernen um den Atomausstieg gerungen. Nun war die Abmachung fast perfekt. Vorher musste er allerdings noch einen Termin abhaken. Auf der Tagesordnung in Bonn, nach wie vor Hauptsitz des Umweltministeriums, standen Flaschen, Dosen und Kartons – und die Frage, mit welchen Mitteln der Siegeszug der Blechbüchsen gebremst werden sollte. Was bedeutet das schon im Vergleich zum Atomausstieg.

Jedenfalls viel Zoff. Die Dose beschäftigt heute höchste Gerichte und hoch bezahlte Manager. Sie treibt Beamte, Funktionäre und Politiker zur Verzweiflung. Und sie zwingt von Januar an Millionen Verbraucher zu ungewohntem Verhalten. Das Blechding hat es zum Zankapfel der Republik gebracht – und zum Symbol eines Prinzipienstreits. Der Grundstein dafür wurde an jenem 13. Juni in Bonn gelegt.

So eine Dose, schön leicht und deshalb praktisch, kostet Coca-Cola oder die Holsten-Brauerei zwischen 7 und 10 Cent, je nach Größe und Abnahmemenge. Mehr als 7 Milliarden solcher Behältnisse werden jährlich verkauft, ein Riesengeschäft. Hinzu kommen noch einmal ungefähr gleich viele Einwegflaschen aus Kunststoff oder aus Glas. Viele grün Gesinnte rümpfen über diese Flut die Nase. Und Fachleute des Umweltbundesamtes geben ihnen Recht: Getränkedosen und Wegwerfflaschen, haben sie in jahrelanger Forschungsarbeit herausgefunden, sind die „Öko-Schlusslichter“; Mehrwegflaschen und Getränkekartons belasten die Umwelt viel weniger.

Zwar sind alle Getränkeverpackungen ökologisch nur von untergeordneter Bedeutung; zum Treibhauseffekt, zur Bodenversauerung, zur Ressourcen- und zur Naturbeanspruchung tragen sie kaum ein Prozent bei. Aber weil die Einweggebinde den Mehrwegflaschen immer mehr Marktanteile streitig machen, musste etwas unternommen werden. Was genau, darüber wollte Baake in Bonn mit Abgesandten des Handels und der Industrie, mit Umweltschützern und mit Bierbrauern reden.

Pfand oder Abgabe?, das war nämlich die Frage. Ein Pfand ist ein Obolus, der dem Kunden gegen das Leergut rückerstattet wird; eine Abgabe bekommt er nicht zurück. Der Einzelhandelsverband hatte bereits vor Jahren eine Art Dosenabgabe vorgeschlagen; die Händler sollten sie freilich selbst verwalten können. Das Bundeskartellamt hatte dieser geplanten Preisabsprache selbstverständlich einen Riegel vorgeschoben.

Als erster Wirtschaftsvertreter sprach Klaus Mittelbach, Umweltdirektor im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Baake“, so erinnert er sich, „wollte uns von der Abgabe überzeugen.“ Mittelbach widersprach dem heftig. „Wir haben die Abgabe aus prinzipiellen Gründen abgelehnt“, sagt er heute. „Wir wollen nicht, dass der Staat die Produktwelt in Gut und Böse unterteilt.“ Eine Abgabe kam nicht infrage; das kaum bessere Dosenpfand auch nicht. „Für die paar Dosen…“

Die Wirtschaft, das war Mittelbachs Angebot, werde schon selbst dafür sorgen, dass Dosen und Flaschen in Zukunft weniger Umweltprobleme bereiten. Ende der Durchsage. Der Vertreter des Deutschen Industrie- und Handelskammertages schloss sich dem Votum an.