Als vom Rand der Grube ein Zuruf kommt, nimmt sich ihr Gesicht für ein Lächeln frei. Doch sie bleibt in der Hocke, die Hände machen weiter. In kurzen, hellen Handschuhen schieben sie schwarzen Schlamm von einem fast runden, erdgrauen Bündel. Ein paar spitze Enden ragen wie abgerissenes Wurzelwerk heraus. Die Hände gleiten daran entlang, ziehen eine verknotete Schnur hervor und halten den vermoderten Fund hoch ans Tageslicht. Es sind Fesseln. Sie hielten zwei Unterarmknochen zusammen.

Die Frau in der Grube hat das Lächeln von eben schon vergessen. "Heute sind es wieder besonders viele Kinder", sagt Eva Klonowski. "Man sieht es sofort an den Knochen, 16- bis 17-Jährige. Kein Körper ohne Fesseln. Fast alle mit verbundenen Augen. Die Binden immer aus dem gleichen Stoff. Wahrscheinlich von Bettbezügen."

Es war einmal ein Junge, dieses gottserbärmlich arme Bündel. Eines Tages wird man vermutlich erfahren, wer ihn geboren hat, wo er lebte, wie er starb. Man wird noch einmal herzzerreißend um ihn weinen. Für heute ist er erst einmal geborgen. Gleich bekommt er eine Nummer. Bis zu dem Tag, an dem er seinen Namen zurückerhält, ist es noch ein weiter Weg. Denn so jung er auch gestorben ist, hat er hier schon sein zweites Grab gehabt.

Die serbischen Verbände des Generals Ratko Mladic hatten die muslimischen Opfer ihres Völkermords in Srebrenica und Ostbosnien zunächst in der Nähe der Tatorte in Massengräbern verscharrt. Ende 1995 hoben sie neue Gräber aus, um die Verbrechen vor der Welt zu verbergen. Sie warfen die Toten aus den Primärgräbern, wie Gerichtsmediziner sagen, in Sekundärgräber. Gott weiß, wie. Die Baggerzähne rissen den schon halb verwesten Toten nicht selten Köpfe oder Beine ab. Ein Arm landete in diesem, der Rumpf im nächsten Massengrab.

Mit den traditionellen forensischen Methoden wären nur wenige der Exhumierten zweifelsfrei zu identifizieren gewesen. Von den fast 8000 Erschossenen aus Srebrenica zum Beispiel würden am Ende vielleicht 500 ihre Namen zurückerhalten haben. Die jüngsten Techniken zur Bestimmung des Genprofils aber brechen das Schweigen dieser furchtbaren Unterwelt, die von den jugoslawischen Erbfolgekriegen blieb. Sie helfen den Hinterbliebenen, ihre Nächsten doch noch zu finden. Für die endgültige Gewissheit. Für eine Beisetzung in Würde, nach Religion und Tradition der Familie.

Um die Toten zurückzubringen, hat die 1996 vom G-7-Gipfel in Lyon eingesetzte Internationale Kommission für vermisste Personen (ICMP) ein Pionierprogramm entwickelt. Ihre Archäologen, Anthropologen und Pathologen spüren den 40 000 Vermissten in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo nach - mit dem umfangreichsten Programm von DNA-Tests, das es bisher gegeben hat.

Doch selbst modernste Technik könnte die Opfer nicht aus der Anonymität zurückholen, würden nicht Menschen wie Eva Klonowski zu ihnen in die Gräber steigen. Tag für Tag. Mehr als 3000 Ermordete haben allein ihre Hände bisher von der Erde befreit, für die Autopsie und die DNA-Analyse zusammengefügt.