Druck sind Aktionäre heute gewohnt. Zum Druck auf die Aktienkurse kommt für manche Anleger aber noch ein weiterer Druck hinzu: Sie werden aus ihrer Beteiligung einfach hinausgedrückt. Seit Jahresanfang darf ein Großaktionär, der mehr als 95 Prozent einer Aktiengesellschaft besitzt, die anderen Aktionäre zwangsweise hinauskaufen. „Squeeze out“ nennen die Börsianer das.

Eine „Welle von Squeeze-outs“ rolle über die deutsche Börsenlandschaft, heißt es bei der WGZ-Bank. So drückte die Allianz die verbliebenen Aktionäre der Dresdner Bank hinaus, und der britische Mobilfunkkonzern Vodafone entledigte sich der Minderheitsaktionäre von Mannesmann. Inzwischen aber wehren sich manche Anleger gegen diese vornehme Form der Enteignung. Bei Mannesmann musste Vodafone den Abfindungsbetrag immerhin um rund fünf Prozent aufbessern. Das Beispiel der wehrhaften Mannesmänner dürfte Schule machen.

Desaster für die Investoren

Vor allem Großkonzerne nehmen die vom Gesetzgeber eröffnete Gelegenheit wahr, ihre börsennotierten Tochtergesellschaften einzusammeln. Der Versicherungskonzern AMB Generali zum Beispiel strich gleich vier börsennotierte Töchter vom Kurszettel: die Aachener und Münchener Lebensversicherung, die Aachener und Münchener Versicherung, die Thuringia und die Volksfürsorge Holding. „Squeeze-Out ermöglicht ein Lichten des Aktiendschungels“, jubelte die Börsen-Zeitung .

Notwendig dafür ist lediglich ein Beschluss der Hauptversammlung. Bei einer Mehrheit von über 95 Prozent ist das freilich kein Kunststück. Für die übernehmenden Großaktionäre ist das Squeeze-out eine gute Sache. Sie sparen durch den Hinauswurf der restlichen Anteilhaber viel Geld, weil sie das Unternehmen dann von der Börse zurückziehen können. Somit entfallen auch die Ausgaben für die jährlichen Hauptversammlungen oder für den Wirtschaftsprüfer. Außerdem können Gewinne und Verluste im Gesamtkonzern miteinander verrechnet werden. Der Freibrief zum Hinausdrücken ist Teil des Übernahmegesetzes, mit dem die Politiker eine bessere Gestaltung der deutschen Unternehmenslandschaft anregen wollen.

Die Befürworter des Squeeze-outs, darunter das Deutsche Aktieninstitut (DAI), sehen auch Vorteile für die Aktionäre. Da bei den betroffenen Gesellschaften nur noch wenige Aktien im Umlauf sind, sei an der Börse keine faire Preisbildung mehr gewährleistet. Der Aktienkurs würde „oft nur lustlos vor sich hin dümpeln“, heißt es beim DAI. Ein frustrierter Privatanleger könnte sich „plötzlich noch mit einem guten Profit aus seinem Engagement verabschieden“. So zahlte etwa die TUI den hinausgeworfenen Aktionären von Hapag-Lloyd eine Abfindung, die um knapp 70 Prozent über dem aktuellen Börsenkurs lag.

Der Abfindungspreis ist die Crux des Squeeze-outs. Der Gesetzgeber hat lediglich festgelegt, dass der Aktionär einen „angemessenen Preis“ erhalten muss. Der Großaktionär aber habe kein Interesse daran, „die freien Aktionäre zu einem guten Preis zu verabschieden“, sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Stattdessen würde er spekulieren „und erst einmal einen am unteren Ende der Spanne befindlichen Preis bieten“. Auch Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) kritisiert die Preisfindung beim Squeeze-out. Zwar werde dabei ein Gutachter herangezogen; diesen aber wähle dann immer die übernehmende Gesellschaft aus. „Die Mehrheitsaktionäre versuchen regelmäßig, außenstehende Aktionäre zu übervorteilen“, kritisiert Keitel.

Wenn sich die Hinausgeworfenen gegen einen „unfairen“ Preis wehren wollen, bleiben ihnen nicht viele Möglichkeiten. Die Mannesmann-Aktionäre hatten raschen Erfolg, weil sie sich auf einen Verfahrensmangel beriefen (angeblich fühlten sie sich falsch informiert) und deshalb eine Anfechtungs- und Nichtigkeitsklage mit aufschiebender Wirkung erheben konnten, die auf Vodafone offenbar den gewünschten Eindruck machte.