Von den Straßenlaternen winken Weihnachtsmänner aus Glühbirnen, blinkende Glocken und grinsende Schneemänner. Weihnachtsbeleuchtung auf der Bethnal Green Road im Osten Londons. Obwohl fernab von den vornehmen Boutiquen und Einkaufszentren der Innenstadt, sind am Sonntagnachmittag auch hier die Geschäfte brechend voll. "Das Vorweihnachtsgeschäft ist sehr wichtig", sagt Linda Khasa, die einen kleinen Laden für Kinder- und Schulbekleidung betreibt. Normalerweise öffnet Khasa sonntags nicht. "Nur Ende September, bevor die Schule wieder beginnt, und in den Wochen vor Weihnachten", sagt sie.

Derartige Flexibilität würde sich manch ein Ladenbesitzer in Deutschland auch wünschen. Während gewerkschaftlicher Druck und ein vergleichsweise starres System den Konsum in Deutschland eher behindern, gilt die Flexibilität des britischen Wirtschaftsmodells seit je als einer der Gründe für dessen Erfolg. Anders als hierzulande erreicht das Verbrauchervertrauen auf der Insel immer noch Höchstwerte – laut einer Studie von Barclays Capital sind die Konsumenten heute beinahe ebenso zuversichtlich wie bei einem Stimmungshoch vor 14 Jahren. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 5,3 Prozent, und die Zentralbank hat die Inflation seit Jahren fest im Griff.

Doch trotz dieser vielen guten Daten steht die Wirtschaft des Königsreiches womöglich auf Füßen, die tönerner sind, als es den Anschein hat. Nicht nur, weil es Anzeichen dafür gibt, dass die Briten bei ihren Weihnachtseinkäufen weniger ausgeben als vor zwölf Monaten. Die steigende Verschuldung der Privathaushalte und drastisch nach unten korrigierte Wachstumsprognosen für das laufende Jahr ergeben ein Ungleichgewicht, das früher oder später korrigiert werden muss. Diese Korrektur könnte wirtschaftlich weitreichend und politisch schmerzhaft ausfallen.

Noch bei seinem Amtsantritt 1997 hatte Schatzkanzler Gordon Brown ganz im Zeichen der neoliberalen Euphorie über die New Economy verkündet, das Ende des Wechselspiels zwischen Boom und Bust sei erreicht. Künftig könne man Wirtschaftszyklen besser steuern. Spätestens im nächsten Wahlkampf wird er derartig vollmundige Versprechen wohl bereuen.

Das britische Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre beruht nicht allein auf einem flexiblen Arbeitsmarkt, niedrigen Löhnen und investitionsfreundlichen Steuern. Auch das Vertrauen der Verbraucher trieb die britische Wirtschaft voran, während andere G-7-Staaten in Stillstand und Depression verharrten. Allerdings: Es ist nur geliehen.

Allein im Oktober stieg die Verschuldung der Privathaushalte nach Angaben der British Bankers’ Association (BAA) um 1,8 Milliarden Pfund auf 155 Milliarden Pfund. Rechnet man zu dieser Rekordsumme die Hypothekenschulden hinzu, die britische Hausbesitzer bei ihren Banken haben, dann stehen die Briten mit zusätzlich 665,8 Milliarden Pfund in der Kreide.

Bislang tat diese Kausalkette gut: Niedriger Leitzins schafft billige Hypotheken, billige Hypotheken schaffen einen expandierenden Immobilienmarkt, und ein expandierender Immobilienmarkt lockt zur privaten Verschuldung und stützt die Nachfrage, gerade vor Weihnachten. Doch wie lange kann diese Verschuldung weiter wachsen? Schon jetzt warnt die Zentralbank vor "einer drastische Umverteilung, sobald die Leitzinsen steigen und die Menschen ihre Hypothekenschulden nicht mehr bedienen können".

Der Immobilienmarkt, das Rückgrat der nachfrageorientierten britischen Wirtschaft, knickte zuletzt 1989 ein und verlor binnen sechs Jahren 39 Prozent seines Wertes. Seit 1995 bläht sich der Markt wieder auf und erlebte danach eine Zunahme von 80 Prozent. Zwar hoffen Optimisten am Ende dieses Booms auf eine weichere Landung als früher, aber gut begründet ist diese Hoffnung nicht. Die Halifax, eine der größten Bausparkassen des Landes, kommt in einem Bericht zu dem Ergebnis, dass "es nach den Erfahrungen der letzten 30 Jahre keinen Grund gibt, eine scharfe Korrektur auszuschließen".