Leider ist es den Revisoren der Revolutionsgeschichte nicht gegeben, die Köpfe, die unter der Guillotine fielen, wieder an die Leiber zu stücken, zu denen sie einst gehörten. Oder? Vielleicht bringt der Zauberschlag der historischen Rehabilitierung just dies zuwege – drüben im Paradies der Menschenrechte, in dem die Kinder der Aufklärung die Ewigkeit feiern? Falls sich die blitzgescheite und so reizvolle Manon Jeanne Philipon Roland dort aufhalten sollte, natürlich an der Seite ihres Mannes Jean-Marie Roland de la Platiére, dem Innenminister des Jahres 1792 (der sich selbst, auf der Flucht vor den Häschern des Terrors, mit dem Degenstock den Todesstoß gab, als er von der Exekution seiner so viel jüngeren Eheliebsten erfuhr). Beide hätten mit einem überraschten, ja ungläubigen Lächeln den Titel des Leitartikels von Le Monde am 5. Oktober zur Kenntnis genommen: La France girondine.

Das Frankreich der Gironde – das waren sie und die Gefährten, die bei ihnen aus und ein gingen, ehe sie der Karren des Henkers abholte. "Freiheit, welche Verbrechen begeht man in deinem Namen", soll Madame Roland gemurmelt haben, als sie am 18. Brumaire des Jahres II das Schafott bestieg, keine 40 Jahre alt, Gastgeberin des glänzendsten Salons im revolutionären Paris und Muse der liberalen Fraktion in der Convention, die den Machtkampf mit der Pariser Kommune und der jakobinischen Bergpartei von Saint-Just und Robespierre spätestens am 2. Juni 1793 im Ansturm der Vorstadt-Kohorten auf das Parlament verloren hatte.

Mehr als zwei Jahrhunderte später sehen sich die Anwälte des "anderen Frankreich", für die das Departement Gironde in der Bordeaux-Region zum Gattungsbegriff wurde, durch die bedeutendste Zeitung des Landes über Nacht gerechtfertigt. Mehr noch: Das Blatt sprach ihnen sozusagen post mortem die ideelle Herrschaft über das Land zu, das so unwandelbar im Bann des jakobinischen Zentralismus zu verharren schien.

Der absolute Primat von Paris, die Konzentration aller Macht, des Geldes, der Künste und Wissenschaften in der Metropole schien ein für alle Mal ins Geschichtsbewusstsein, in die Gewohnheiten, ja in die Instinkte der "nation une et indivisible" eingeschmolzen zu sein. Längst betrachtete auch das Bürgertum die Große Revolution als den Urquell aller politischen Legitimation, und es hatte gelernt, selbst die Exzesse des Radikalismus, die Opferorgien im Schatten der Guillotine, die Hinrichtungsserien, die blutigen Massaker in der Metropole und den Provinzen als den unvermeidlichen Preis des Fortschritts zu akzeptieren. Die zentralistisch organisierte Republik, auch das hierarchische Korsett, in das Bonaparte das Land eingeschnürt hatte bis in den hintersten Winkel von "la France profonde", hielten sie für die natürliche Lebensform Frankreichs.

Die Angst der Linksnationalisten vor dem deutschen Modell

Man müsse die Revolution en bloc betrachten, hatte Clemenceau gesagt, der Organisator des Sieges im Ersten Weltkrieg, den man den Tiger nannte; und damit meinte er, dass man nicht mehr trennen könne zwischen den Gemäßigten und den Radikalen, den Girondisten und den Jakobinern, den guten und den schlechten Folgen der Revolution. François Mitterrand, der angebliche Sozialist kleinbürgerlich-katholisch-nationaler Prägung, hat dieses Urteil beim 200-jährigen Jubiläum des Sturmes auf die Bastille ausdrücklich noch einmal bestätigt – obwohl er, wie vor ihm Charles de Gaulle, ein Programm der Dezentralisierung ins Werk zu setzen versuchte, das einen Prozess der Wiedergutmachung an den so lange von Paris überschatteten, vernachlässigten, ausgebluteten, ja ausgebeinten Provinzen einzuleiten versprach, von Innenminister Gaston Deferre klug gelenkt, dem protestantischen Bürgermeister von Marseille, Sozialist aus der Tradition des midi .

Madame und Monsieur Roland und die Schar ihrer girondistischen Freunde aber könnten nun erst recht jubilieren: Die liberal-konservative Regierung von Jean-Pierre Raffarin, die Präsident Chiracs zweite Amtszeit zu gestalten hat, geht einen mächtigen Schritt weiter – sie will das Prinzip der Dezentralisierung in der Verfassung festschreiben, ja sie plant, den Regionen eine konstitutionelle Heimat zu sichern. Damit signalisiert sie eine historische Sensation, und sie verhilft dem entscheidenden Prinzip der Girondisten endlich zum Sieg: der Verankerung der französischen Demokratie in den Provinzen, als Ouvertüre einer neuen Republik, die man eines Tages die sechste nennen wird.

Freilich sagte Jean-Pierre Raffarin beschwörend, Frankreich werde damit kein Bundesstaat wie das Nachbarland jenseits des Rheins oder die Union der Amerikaner. Mit der schlauen Witterung eines Provinzbürgermeisters für das rechte Maß erstickte er damit die greinende Klage des Linksnationalisten Chevènement, die Republik werde einer "landerisation" nach deutschem Beispiel ausgeliefert. Aber Chevènement wird – als Tempelwächter der einen und unteilbaren Nation – ganz gewiss mit schriller Erregung in die Debatte eingreifen, wenn zutage treten sollte, dass die Vorschläge beachtliche Selbstständigkeit für die Provinzen bringen könnte. Den Korsen soll erlaubt werden, die beiden Departements zu vereinen, in die man die Insel – divide et impera! – im Jahre 1974 aufgeteilt hatte: Ein Beispiel, dem die Elsässer und andere folgen könnten. Der "experimentelle" Charakter der Ordnung, die man der Insel zubilligen will, soll, wenn er sich denn bewährt, auch für die anderen Provinzen des Landes gelten, zumal das Kernelement der Neuerung, die ein (begrenztes) Mitentscheidungsrecht der Regionalversammlung bei der Übertragung nationaler Gesetze vorsieht. Das gilt gleichermaßen für den Schutz und die Förderung der Regionalsprache. Die Umschichtung der finanziellen Verantwortlichkeit (und damit der Steuermittel) ist ein langer und schwieriger Prozess.