Kopenhagen

Historisch war das Lieblingswort beim Kopenhagener EU-Gipfel. Historisch ist die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedern, darunter acht ehemalige Diktaturen.

Historisch auch die Geste gegenüber der Türkei, die nun damit rechnet, dass im Sommer 2005 ihre Beitrittsverhandlungen beginnen.

Doch ist dieser Gipfel womöglich auch "historisch", weil der Durchbruch zum Dammbruch zu werden droht? Das EU-Europa ist nicht länger ein exklusiver Club naher Nachbarn, vereint durch die Schrecken den Krieges, getrieben von der Suche nach Frieden. Das ist seit Kopenhagen Geschichte.

Die gewaltige Aufgabe der Erweiterung beginnt erst jetzt und erlaubt drei Deutungen: Die Schule der Realisten sagt, es gehe einfach nicht anders. Die Optimisten jubeln über ein endlich vereintes Europa (wohl wissend, dass da noch manche Nation fehlt). Und die Zyniker hoffen, mit dem Kopenhagener Beschluss die von ihnen ungeliebte Vertiefung, eine völlig neuartige Politisierung des stärksten Binnenmarktes der Welt, ad acta zu legen. Zyniker und Optimisten hoffen, jeder auf seine Art, dass die Erweiterung ein Erfolg wird. Im Räsonnement der Realisten hingegen kommt auffallend oft das Wort vom Kerneuropa vor, als trauten sie den 25 gemeinsam nicht zu, was eine kleine Gruppe von sechs oder acht Mitgliedern anpacken muss, eben jene politische Vertiefung der Union. Europa hat es nicht geschafft, Erweiterung und Vertiefung im selben Augenblick zuwege zu bringen. Die kurze Zeitspanne dazwischen wird für manchen zur Schrecksekunde werden.

Mit dem Angebot an die Türkei haben die Mächtigen auf diesem eurasischen Landzipfel zugleich klar gemacht, dass sie keine geografischen Grenzen kennen, sondern nur demokratische Werte. Wer jetzt Türkei sagt, wird eines Tages auch Kroatien, Serbien, Ukraine sagen - oder erklären müssen, warum Ankara und Istanbul "dazugehören", Zagreb, Belgrad oder Kiew aber nicht. Den Muslimen beiderseits des Bosporus wird der Weg nach Europa geöffnet: Wer will da eines Tages den Muslimen in Bosnien, Albanien oder im Kosovo die Tür weisen, wo doch auch diese Völker und Nationen jene Werte entdecken?

Die Tränen der Türken