die zeit: Ihr Parteifreund Rudolf Dreßler hat einmal gesagt, höchstens fünf deutsche Politiker verstünden das deutsche Gesundheitssystem. Ganz ehrlich: Haben Sie nach zwei Jahren im Amt das Gefühl, dazuzugehören?

Ulla Schmidt: Seit ich Ministerin bin, sind wir sechs. Trotzdem: Gesundheitspolitik ist nicht einfach. In keinem anderen Politikfeld wird so viel Geld verteilt und so hart darum gerungen.

zeit: Besonders lautstark protestieren momentan die Ärzte, die unter anderem dazu aufrufen, Praxen zu schließen und nur noch "Dienst nach Vorschrift" zu machen.

Schmidt: Dienst nach Vorschrift ist doch eine gute Sache. Die Vorschriften sind nämlich eindeutig, und wer einen Vertrag mit der gesetzlichen Krankenkasse hat und dafür Geld bekommt, ist verpflichtet, sich daran halten: Die Versorgung der Patienten muss ausreichend, angemessen und notwendig sein – und natürlich auch wirtschaftlich. Wenn das jetzt zur Maxime wird, soll mir das recht sein.

zeit: Heißt das, Sie finden die Appelle der Ärzteverbände im Prinzip ganz in Ordnung?

Schmidt: Es gibt leider einige Funktionäre, die sich vor allem als Interessenvertreter verstehen und sich auch so benehmen. Sie irren. Kassenärztliche Vereinigungen haben kein politisches Mandat, sondern einen gesetzlichen Auftrag: Sie müssen die medizinische Versorgung flächendeckend sicherstellen. Und als ich kürzlich ihren Vorsitzenden, Manfred Richter-Reichhelm, zu mir ins Ministerium geladen hatte, hat er mir das auch zugesagt.

zeit: Doch viele Mediziner folgen den Empfehlungen der Verbände und verschieben Behandlungen ins nächste Jahr. Offiziell wird das nicht "Streik" genannt, aber die Patienten haben das Nachsehen.