Ein Prinz ohne Zeitvertreib kommt vor Langeweile schier um, so ähnlich muss es Gott ergangen sein, bevor er die Welt schuf. Ein Revolutionär findet die Gleichförmigkeit der menschlichen Existenz langweilig ohne Ende, ein Schriftsteller, der in den tosenden Wahnsinn gleitet, würde sich umbringen, wenn nicht selbst das zu langweilig wäre. Wo immer man das Werk Georg Büchners aufschlägt: Die Langeweile, das gefräßige Geschwür, lähmt die Seelen der Handelnden, und was für Handelnde das sind!

Georges Jacques Danton, Advokat, Jakobiner, pockennarbig, der große Redner und Anführer der französischen Revolution, mitverantwortlich für zahllose Tote, sitzt da im Drama Dantons Tod, dem ersten Büchners (1835), morgens auf der Bettkante und plappert, als ihn die Freunde zur Flucht vor der Guillotine bewegen wollen: "Das ist sehr langweilig immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends in’s Bett und morgens wieder heraus zu kriechen." Müde ist er, sehr müde, und möchte nichts als ein wenig Ruhe.

Oder Jakob Michael Reinhold Lenz: der deutsche Schriftsteller des genieversessenen Sturm und Drang, Theologe und Pfarrerssohn wie so viele, vorübergehend Freund Goethes, noch vorübergehender Verehrer einer abgelegten Goethe-Geliebten, dann von Goethes Schwester, gleichwohl ein intellektuelles Original, das im engen Deutschland buchstäblich verrückt wurde, schließlich obdachlos in Moskaus Straßen krepierte, der Lenz also sagt in Büchners gleichnamiger Erzählung (1836), unbeweglich im Bett liegend: "Ja Herr Pfarrer, sehen Sie, die Langeweile! die Langeweile! o! so langweilig, ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll, ich habe schon alle Figuren an die Wand gezeichnet." Lenz, der sich am Ende nur spürt, wenn er sich Schmerz zufügt, den Kopf an die Wand kracht, wünscht nur eines: "Laßt mich in Ruhe!"

Und Leonce, der Prinz im Lusttspiel Leonce und Lena ( 1836) , das an Wortspielen, Ironie, Satire aus allen Fugen und Versen platzt, als wäre es kein deutsches, selbst er? "Bin ich ein Müßiggänger? Habe ich keine Beschäftigung? Ja, es ist traurig… Was die Leute nicht Alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich an der Langeweile." Der Geliebten weiß er zu gestehen, er liebe sie wie – natürlich, wie seine Langeweile: "Ihr seid eins."

Georg Büchner, deutscher Dichter, Arztsohn, steckbrieflich gesucht wegen umstürzlerischer Umtriebe im trüben Hessen (Der Hessische Landbote!), Spezialist für das Nervensystem der Barben und Spinozas Philosophie, Übersetzer Victor Hugos, Doktor der Medizin, Georg Büchner also, der im Februar 1837 mit 23 Jahren im Schweizer Exil an Typhus und an Überanstrengung des Körpers und der Seele starb, wie konnte dieser Mann die Langeweile zum Hauptmotiv seines Werks machen? Wie kann einer, der überhaupt nur drei Jahre Zeit hatte für sein Werk und die Revolution, wie kann der seine Figuren an Langeweile ersticken lassen?

Dabei hat ihn doch der Lyriker Paul Celan, 1960 in seiner Büchner-Preis-Rede, den "Dichter der Kreatur" genannt, und es stimmt ja, in Büchners Stücken ist das Erbarmen mit der Kreatur die große Gegenspielerin der Langeweile. Nein, gegen die Langeweile, gegen das Nichts des Nihilismus treten sie im Büchnerschen Werk zu dritt an: das Erbarmen; die Liebe; die Erfahrung von Gottes Schöpfung. Macht zusammen einen schwindelerregenden Realismus.

Als Büchner zu schreiben beginnt, haben sich die großen Ideale der literarischen Klassik in Deutschland und der politischen Revolution in Frankreich an der Wirklichkeit einigermaßen blamiert. Schillers ästhetische Erziehung hat in den deutschen Kleinstaaten Folter und Rechtlosigkeit nicht aus der Welt geschafft, das französische Gerechtigkeitsideal hat auch für Terror gesorgt und seine eigenen Kinder gefressen.

Da zerrt Büchner die Enttäuschung auf die Bühne und entdeckt, im Namen der Kreatur, die Kunst neu, als erstarre das Bürgertum nicht noch in Ehrfurcht vor Schiller: "Ein Ideal! … ach die Kunst!", spottet Camille mitten in der lähmenden Revolution, "Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: ach, die erbärmliche Wirklichkeit! Sie vergessen ihren Herrgott über seinen schlechten Kopisten… Sie gehen in’s Theater, lesen Gedichte und Romane, schneiden den Fratzen darin die Gesichter nach und sagen zu Gottes Geschöpfen: wie gewöhnlich!"

Der arme Lenz ringt dem Wahnsinn – wenn schon sonst fast nichts – noch eine Absage an den Idealismus ab: "Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur!" Verachtung, schmählich, das würde Prinz Leonce cooler ausdrücken. Eher so: "Ich habe noch eine gewisse Dosis Enthusiasmus zu verbrauchen; aber wenn ich Alles recht warm gekocht habe, so brauche ich eine unendliche Zeit um einen Löffel zu finden." So kommt man halt auch nicht zur Ruhe.

Es ist, als gelänge es einem ganz allein, eilig und wie nebenbei, nach Goethes Tod die Literatur neu zu erfinden – Georg Büchner. Noch 150 Jahre später passt keiner seiner Texte in die Ordnung der Wissenschaft, läßt er keinen in Ruhe, der sie gern hätte. So wie Lucile, die Liebende, in Dantons Tod alles, aber auch alles durcheinander bringt, als sie nach der Ermordung ihres Mannes ruft: "Es lebe der König." Sie ist so frei. Ach, die Kunst.