So etwas hat Giorgio noch nicht gesehen: Überall Menschen, die Waren begutachten und laut um die Preise feilschen. Zwischen den Marktständen Schausteller, Musikanten und seltsame Tiere. Häuser so hoch, dass die Gassen ganz im Schatten liegen, Bänke, auf denen man sitzen und ausruhen kann. Und fröhliche, ausgelassene Kinder, die vornehme Kleider tragen, wie er sie zu Hause nur von Sonntags-Erwachsenen kennt.

Giorgio ist barfuß, seine Kleider sind verdreckt und zerrissen. Durch das kleine Bergdorf im Tessin, aus dem er kommt, streifen selbst am Tag die Füchse, und abends gibt es nach harter Arbeit Buchweizengrütze, nur der Vater bekommt noch ein Stück Käse. Nach dem letzten trockenen Sommer, in dem nichts gedeihen wollte, hatte es für die Familie besonders schlecht gestanden. Erinnerungen wurden wach an die letzte Dürre, bei der in Giorgios Dorf die Menschen verhungerten. Also musste sein Vater das Angebot des Mannes mit der Narbe, der eines Tages im Tal aufgetaucht war, annehmen, den Jungen für 20 Franken nach Mailand zu verkaufen.

Lisa Tetzner und ihr Mann Kurt Held, Autor der Roten Zora, hatten in ihrem 1940/41 erschienenen Jugendbuchklassiker Die Schwarzen Brüder das Schicksal des 13-jährigen Giorgio geschildert, der 1839 nach Mailand kommt, um sich als Kaminfeger zu verdingen. Alt genug, um arbeiten zu können, aber noch so klein und schmächtig, um in die engen, rußigen Schlote zu klettern, entdeckt er in den Häusern und Villen staunend eine Welt des Wohlstands und Überflusses, von der er selbst ausgeschlossen ist: Wenn er sein lebensgefährliches Tagwerk vollbracht hat, sperrt ihn sein Meister nach dem dürftigen Abendessen in einen Bretterverschlag unterm Dach. Für diese Geschichte um Kinderarbeit und Ausbeutung – aus einer Zeit, als das Elend der Dritten Welt noch in Europas Städten zu Hause war – firmierte nur Lisa Tetzner als Autorin, die mit ihrem Mann 1933 vor den Nazis ins Tessin geflüchtet war. Kurt Held durfte als Emigrant in der Schweiz nicht publizieren.

Der Züricher Illustrator Hannes Binder hat nun, zusammen mit seinem Lektor Hans ten Doornkaat, der das umfangreiche Original zu einer Textfassung kondensierte, eine atmosphärisch dichte und einfühlsame Neufassung konzipiert, ein ungewöhnliches Projekt, in dem die Geschichte weitgehend durch Bilder erzählt wird. Anders als bei seinen Comics nach Friedrich Glausers Romanen um den Wachtmeister Studer wechselt die Handlung hier zwischen Text und Bildfolgen ohne Worte, die manchmal über mehrere Seiten verlaufen und ganz für sich stehen. Binders Illustrationen sind jedoch nicht die schnellen Bilder des Comics, sondern großflächig durchdachte Kompositionen voller faszinierender Details, dunkle Momentaufnahmen, in die man sich vertiefen muss, hergestellt in einer aufwändigen Schabkartontechnik. Dieser Stil, bei dem weiße Linien und Flächen aus schwarzer Pappe herausgekratzt werden, hat sich als geradezu perfekt für sein Vorhaben erwiesen: "Ich wollte eine Geschichte, bei der man rußige Hände bekommt, wenn man sie liest."

Das erste Drittel des über 600-seitigen dramatischen Buches, das in Giorgios Heimatdorf spielt, wurde in Binders Fassung weggelassen, wichtige Schlüsselszenen sind dafür als Rückblenden in die Zeit nach Giorgios Ankunft in Mailand verlegt, wodurch geschickt Zusammenhänge geknüpft werden. Der Roman erzählt aber nicht nur von Armut und Ungerechtigkeit, sondern auch von Menschlichkeit, Mut und Freundschaft. Durch den gleichaltrigen Alberto gerät Giorgio in die Bande der Schwarzen Brüder, zu der sich die halbwüchsigen Kaminfeger der Stadt zusammengeschlossen haben. Von nun an ist er den Erniedrigungen nicht mehr hilflos ausgeliefert, und schließlich verhilft ihm die Solidarität unter den Jungen sogar zur Flucht, zur Rückkehr in sein Tessiner Tal, das Binder in einer letzten Volte zu einem überraschenden, visionären Schlussbild ausmalt.

LUCHS 191 wurde ausgewählt von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 19. Dezember, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen- Funkhaus Europa das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de