"Der deutsche Menschenfresser", "der Kannibale von nebenan" – da haben wir wieder einmal einen jener anscheinend so seltenen Fälle. Die Sensationspresse stürzt sich voller Gier auf ihn und schlachtet ihn aus. Sie spielt mit dem Grauen und der Angstlust. Seriöse Psychiater versichern, es handle sich um eine besonders seltene, besonders abnormale Form perverser Sexualität. So kann man die Nachricht verdauen, während es einen schüttelt. Aber, geben wir es zu, gelesen haben wir die Berichte über Armin M. aus dem verträumten Städtchen Rotenburg an der Fulda, zugleich angezogen wie abgestoßen. "Die Liebe geht durch den Magen", und nicht nur im Sprichwort kommt es vor, dass man jemanden "zum Fressen gern" hat. Die Vorgänger von Armin M. haben es mitunter sogar zu makabrer Berühmtheit gebracht:

"In Hannover an der Leine
Strippenstraße Nummer acht
Wohnt der Massenmörder Haarmann
Der aus Kindern Blutwurst macht. …
Aus dem Bauch da macht er Würste
Aus dem Rücken macht er Speck
Aus dem Kopf da macht er Sülze
Alles andre wirft er weg."

Oder Joachim Georg Kroll, der 1982 in Duisburg verurteilte achtfache Mörder, der das Fleisch kleiner Mädchen im Suppentopf kochte. Oder jener japanische Student in Paris, der in den frühen achtziger Jahren seine ihm untreu gewordene Freundin schlachtete und im Kühlschrank einfror, um sie ganz zu sich nehmen zu können. Dann Bokassa, Kaiser von eigenen und französischen Gnaden auf zentralafrikanischem Operettenthron, der seine Gegner scharen- und stückweise in Gefriertruhen zur kulinarischen Weiterverarbeitung bereithielt.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Wechselt man aus der Wirklichkeit ins Märchen, zu Sagen und Mythen, entdeckt man, dass darin kannibalische Riesen, Unholde und Hexen ihr Unwesen treiben. Auch die Märchen der Gebrüder Grimm – Rotkäppchen, Dornröschen, Hänsel und Gretel, Der Kleine Däumling, Blaubart – sind alles Menschenfresser-Märchen, die, nationalspezifisch abgewandelt, Kindergemüter auf die Initiationen in die dunkle Seite des menschlichen Trieblebens vorbereiten. In der von Charles Perrault bearbeiteten französischen Fassung Dornröschen "(Die Schöne, die im Walde schlief") treibt eine amüsierte Hofkultur mit dem Entsetzen Spott: "Morgen will ich zum Abendessen die kleine Morgenröte verspeisen." – "Aber Madame…", sagte der Haushofmeister. "Ich will es", sagt die Königin, und sie sagte es mit der Stimme einer Menschenfresserin, die Lust hat, frisches Fleisch zu essen. "Und zwar in Essigsoße mit Zwiebeln."

Die Gebrüder Grimm, anders als Perrault, tilgen die kannibalistischen Anspielungen und führen wie beim Rotkäppchen, von dem es über hundert Varianten gibt, eine Happy-End-Konvention ein. Bei Perrault lauten die Schlussworte noch ganz direkt: "Damit ich dich fressen kann!" Damit werfen die sexualpsychologischen Antriebskräfte ihr gutbürgerliches Tarnkleid beiseite und enthüllen offen, worum es in vielen Märchen geht: um aggressive Sexualfantasien, die den anderen vollständig dominieren und ihn sich ganz einverleiben wollen.

Erst mit dem Essen und Sicheinverleiben, so suggerieren diese Fantasien, beginnt das Leben. Fressen und gefressen werden regieren die Welt, und das sei ein wahrhaft universales, ja kosmisches Prinzip, das auch vor Sternhaufen und Galaxien nicht Halt mache. Deshalb muss es auch nicht verwundern, dass die Schöpfungsmythen vieler Kulturen, nicht nur der griechischen, kannibalischer Natur sind. Bei Francesco de Goya ist es Chronos (Saturn), der Gott der Zeit, der seine eigenen Kinder verschlingt.