Lernen von Las Vegas, das wollte die Architektur in den Siebzigern, und das hieß auch: Wieder Freude an bunten Fassaden haben und das historisierende Ornament ruhig seine Geschichtchen erzählen lassen. Der Disney-Konzern, der in seinen Freizeitparks schon lange das bessere Las Vegas baute, hat daraus viel gelernt und entwirft mittlerweile Idealstädte fürs richtige Leben, lächelnde Architekturmasken eines politikfernen Wohlstands. Nun fürchtet man, dieser städtebauliche Geist könne zu uns herüberwehen. "Disneyfizierung" heißt die Geisterbahnfassade, die Europas Bausubstanz angeblich zu überkrusten droht. Anlass genug für ein künstlerisches Ausstellungsprojekt, das unter dem Titel siteseeing: disneyfizierung der städte? nach Problemen wie der Privatisierung öffentlicher Räume und ihrer Anpassung an den Geschmack des Mittelstands und der Touristen fragt (bis zum 9. Februar 2003).

Zu sehen ist die Schau im Künstlerhaus der Stadt Wien, die ja selbst von einer Disney-Town nicht immer zu unterscheiden ist. Man verklärt die Stadt zur touristenfreundlichen Postkartenwelt und kann davon gut leben. Die Austellung greift solche Ambivalenzen auf, forscht nach dem sozialen und ökonomischen Wandel des Urbanen und erhofft sich von entsprechenden Vorträgen im Januar akademische Antwort. Der künstlerische Kern der Schau wird von den theoriebestucken Stützpfeilern weniger entlastet als eingezwängt. Da mutet etwa eine erhellende Arbeit über jene Geisterstädchen, die einmal olympische Dörfer waren, wie eine halbfertige Soziologiestudie an, so sehr wähnt man sich der Wissenschaft verpflichtet. Viele Fotos sind zu sehen, überhaupt enthält fast jedes Kunstprojekt ein Moment des Dokumentarischen. Es wird abgebildet, filmisch und auf Computermonitoren - all das, was man für Disney-infiziert hält. Die Kunst nimmt sich dabei allzu bescheiden zurück.

Sie vertraut offensichtlich darauf, dass sich die Erkenntnis beim Betrachter schon von selbst einstellen werde, wenn man ihm das Gegebene quasi objektiv vorführt. Zum Beispiel werden aktuelle Wohlfühlfarben museal ausgestellt, doch wirkt dies eher banal, denn eine Fragestellung, ein Problem gar wird nicht formuliert. Vielleicht hätte man weniger die Stadt hereinholen als die Kunst hinaustragen müssen. Die Vorträge immerhin werden sich in ungewöhnliche Vortragssäle vorwagen. Und auch der regelmäßige Stadtrundgang Playstation Vienna begibt sich auf Erkundungstour. Er hängt auch als Brettspielmodell an der Museumswand - und hat eine spielerische Form gefunden, um Wien-Klischees zwar brachial, aber auch mit Komik zu knacken. Keine dumme Strategie gegen Disney.