Die Mythen, die sich um ein Kunstwerk ranken, beeinflussen dessen Marktpreis oft in nicht geringerem Maß als seine künstlerische Qualität. Wenn gar alle beide Faktoren stimmen, steigen die Kurse gelegentlich ins Uferlose. Das beste Beispiel ist immer noch der Holländer Vincent van Gogh. Hatte er am Anfang seines zu Lebzeiten nicht gerade erfolgreichen Schaffens an seinen Bruder Theo geschrieben: "Meinen Preis für eine Zeichnung … Bleistift oder Feder habe ich zu einem Reichstaler angesetzt – kommt Dir das unbillig vor?", ist heute sein 1990 versteigertes Ölgemälde Dr. Gachet mit 95 Millionen Dollar nach wie vor das teuerste Bild der Welt.

Die Frage "Warum ist van Gogh so teuer?" sollte eine Diskussion in der Kunsthalle Bremen im Rahmen der Ausstellung Vincent van Gogh: Das Mohnfeld und der Künstlerstreit ausloten. Das Mohnfeld betitelte Gemälde van Goghs ist seit 1911 in Bremer Besitz; der weitblickende Direktor Gustav Pauli kaufte es für 30000 Mark bei dem nicht weniger berühmten Berliner Kunsthändler Paul Cassirer. Den heutigen Wert des Bilds schätzt Jörg Michael Bertz vom Auktionshaus Sotheby’s locker auf 40 bis 60 Millionen Euro; an die 40 solvente Interessenten könne er sich dafür ohne weiteres vorstellen, sagte er auf dem Podium. Natürlich bleibt das Gemälde im Museum. Wäre es auf dem freien Markt verfügbar, profitierte es jedoch ganz im Sinne des Handels auch von der stets repetierten tragischen Vita van Goghs: die elende Zeit als Grubenpastor, ein einziges verkauftes Bild zu Lebzeiten, ein abgeschnittenes Ohr, Wahnsinn, Irrenhaus, Selbstmord in Auvers-sur-Oise im Juli 1890.

Der Ankauf des Mohnfelds fiel in die Zeit eines in Deutschland tobenden so genannten Künstlerstreits, in dem Museumsdirektoren wie Pauli, Tschudi und Lichtwark als "Lakaien des Kunstmarktes" verunglimpft wurden und in den sich der Kaiser persönlich einmischte. Vorgeworfen wurde den Museumsmännern, zu viel ausländische, vornehmlich impressionistische Kunst aus Frankreich zu erwerben und damit die deutschen Maler ins Abseits zu drängen. Die Dokumentation in Bremen anhand der Ankäufe von zehn deutschen Museen von 1910–1914 zeigt, dass die Hetze unberechtigt war: Zwar waren damals genau wie heute die Impressionisten am teuersten, aber Böcklin, Menzel, Leibl und andere deutsche Maler stehen in hoher Zahl und für damals stolze Preise auf den Ankaufslisten der Häuser. Die erbittert geführte Debatte mit Manifesten und Gegenmanifesten deckt die Verflechtungen und Interessen von Kunst, Gesellschaft, Politik und Ökonomie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf und wird in der Bremer Ausstellung aufschlussreich und transparent dargestellt (www.kunsthalle-bremen.de).

Van Gogh ist das Zentrum der zweiteiligen Schau; zu sehen sind etwa 50 Bilder und Zeichnungen, die so genannten Felderbilder. Ein Sujet, das van Gogh zeitweise serienmäßig bearbeitet hatte. An seinem eigenen Rätselbild hat van Gogh unbewusst selbst mitgearbeitet, durch Tausende von Briefen, Lebenszustandsbeschreibungen und Kommentierungen seines Werks. Aber vielleicht sind sie gerade auch wegen des marktfördernden Klischees und der marktknappen Ware nie genau genug gelesen worden. Die Selbstauskünfte des Künstlers sowie weitere bisher nicht veröffentlichte Materialien hat der beim Deutschlandfunk arbeitende Kunsthistoriker und Germanist Stefan Koldehoff, nachdem er die Monografie Vincent van Gogh (Rowohlt Verlag, Februar 2003) verfasst hatte, als Quellen für ein weiteres Buch zum 150. Geburtstag des Niederländers im kommenden März systematisch durchforstet. Darf man der Ankündigung des Kölner Verlags DuMont folgen, könnte das Buch Van Gogh – Mythos und Wirklichkeit (März 2003) das romantisierte Bild vom unglücklichen Künstlergenie um einiges zurechtrücken. Weniger bekannt dürfte etwa sein, dass van Gogh zu Lebzeiten hohe Anerkennung bei Kollegen genoss, seine Malerei konsequent entwickelte, sich an Kunstdebatten beteiligte und seinen Bruder Theo ganz schön unter Druck setzte, seine Bilder zu verkaufen.

Ob die "Wahrheit über den teuersten Maler der Welt" einen ernüchternden oder seinerseits weiter fördernden Einfluss auf das Marktgeschehen haben wird, muss man abwarten. Die Frage "Warum ist van Gogh so teuer?" allerdings konnte an dem Abend in der Bremer Kunsthalle wie zu erwarten nicht eindeutig beantwortet werden.

Wer dem interessanten Austausch von Argumenten aus der Sicht der Wissenschaft (Chris Stolwijk, Van Gogh Museum, Amsterdam), des Marktes, des Journalismus (Rose-Marie Gropp, FAZ) und des Museums (Wulf Herzogenrath, Kunsthalle Bremen) nachträglich folgen möchte: Der Deutschlandfunk überträgt die Diskussion am 25. Dezember ab 23 Uhr ( www.dradio.de ).