Stellt man sich den Kanon der Literatur als Haus mit vielen Türen vor, dann denke man sich eine besondere für den österreichischen Autor Albert Drach und sein Werk. Es sollte eine pompöse Tür sein, die gleich mitten in den Haupt- und Ehrensaal führt – allerdings müsste es auch eine rasant-brutale Drehtür sein! Denn mit der Werkausgabe in zehn Bänden, die jetzt zum 100. Geburtstag des Autors im Zsolnay Verlag zu erscheinen beginnt, wird Drach zum dritten Mal innerhalb von 40 Jahren, allseits lautstark begrüßt, die deutsche Literatur betreten. Und wieder steht zu befürchten, dass es ihn, wie schon zwei Mal geschehen, bald wieder hinausbefördern wird.

Woran liegt das? Da wird Anfang der sechziger Jahre ein Autor entdeckt, fast so alt wie das Jahrhundert, und ein ganzes Werk in der Schublade, ein Werk, das Zeitläufte und wechselnder Zeitgeschmack dem österreichischen Juden so lange nicht haben abnehmen wollen. Es gibt prompt die Freude der Finder am Fund; als literarische Wiedergutmachungsaktion erscheinen seine Werke gleich durchnummeriert bei Langen-Müller als gesammelte. Doch längst vor dem Ende dieser Edition ist der späte Debütant, den man im ersten Anlauf gleich neben Musil, Doderer oder Herzmanowsky-Orlando einreihen wollte, wieder so gut wie vergessen.

Drach freilich lebt und schreibt weiter. Er ist 85, als er ein zweites Mal "entdeckt" wird. Ein Zeitungsbeitrag gegen die "Eintracht des Vergessens" und die "Schnelllebigkeit des Literaturmarkts" katapultiert Autor und Werk erneut ins öffentliche Bewusstsein; im Jahr darauf, 1988, erhält Drach den Büchnerpreis, vielleicht in Personalunion als ältester wie unbekanntester der bisherigen Preisträger. Die sofort startende Neuausgabe seiner Texte, diesmal im Hanser Verlag, hat wieder das Gewand der "Werke". Da heute, sieben Jahren nach Drachs Tod, die dritte Werkausgabe beginnt, kann Eva Schobel, eine ihrer Herausgeberinnen, die Hanser-Edition als "auch schon wieder Schnee von gestern" bezeichnen.

Warum berichte ich dies alles? Natürlich informationshalber. Zugegeben, vor kurzem hätte ich es ja selbst nicht so genau gewusst. Aber es gibt einen zweiten Grund. Vielleicht ist es im Falle Drachs einmal ganz hilfreich, sich dem Werk über die Geschichte seiner Rezeption zu nähern. In deren kuriosem Verlauf spiegelt sich die merkwürdige Ambivalenz, das Sperrige und Zwiespältige der Texte, auf das die Kritik und das Lesepublikum schon zweimal mit einer Mischung aus Faszination und Verdrängungswillen reagiert haben.

Jetzt also das dritte Aufeinandertreffen von Buch und Kopf – und diesmal beginnt die Werkausgabe mit dem Text, der bei der ersten Entdeckung Drachs nicht in der Schublade lag, sondern erst später entstand, 1971 zuerst veröffentlicht wurde und wohl der größte Erfolg bei der Kritik war: Untersuchung an Mädeln. Kriminalprotokoll.

Dieses Buch ist, ich sage es rundheraus, eine Zumutung. Schon die ersten Seiten, ach was!, die ersten Zeilen müssen jedem klar machen, dass keine goutierende Lektüre möglich, dass vielmehr vom Leser eine Anstrengung gefordert ist, die insbesondere der stilistischen Angestrengtheit des Textes entspricht. Dabei ist das Stoffliche eher flach. Zwei junge Frauen, Anhalterinnen, haben dem sexuellen Begehren des Fahrers nachgegeben, vielleicht war es ja auch eine Vergewaltigung, anschließend hat die jüngere der beiden den Mann mit einem Wagenheber auf den Kopf geschlagen, da war der wohl tot; genau kann man das aber nicht sagen, denn es fehlt die Leiche. Das könnte noch die Ausgangslage für eine spannende und sich immer weiter verzweigende Kriminalhandlung sein, könnte, ist es aber nicht, da in Drachs Roman definitiv nichts weiter stattfindet als der Versuch, mittels einer akribischen Sichtung der wenigen Tat-Fakten sowie der Vorgeschichten beider Beschuldigten einen Indizienprozess vorzubereiten und schließlich durchzuführen.

Sprich: ein schnelles Abgleiten der Ermittlung in die Addition des Kleinen und Kleinsten? Ja, aber wie! Denn es ist nicht nur in den Untersuchungen, sondern auch in einigen seiner weiteren Protokolle Albert Drachs eigentliche literarische Leistung, dass er als namenlosen Herrn und Schreiber des Verfahrens eine Instanz, besser: eine Stimme entwirft, deren negativer Faszination man sich schon bald nicht mehr entziehen kann.

Er setzt sich zwischen die Stühle