Wenn einer so viel kann, sollte man nicht von "Doppelbegabung" sprechen. Damit mögen die sich trösten, die sich ja sonst nichts gönnen. Sagen wir also lieber: Waechter macht nicht gern halbe Sachen. Zeichnen und Schreiben, das gehört bei ihm zusammen. Vielleicht so: Er sieht etwas, und es summt etwas in ihm. Oder umgekehrt. Und das zeichnet er dann. "Seht ihr den Frosch dort sitzen? / Er muss sich etwas stützen / und ist doch stark und schön. / So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen, / weil wir sie besser nicht versteh’n."

Den Frosch und neben ihm den Spatz, der ihn ein bisschen stützt. Das Huhn, das seinen Fußabdruck bestaunt. Den bedrängten Nacktschneck im Schuh. Wir sehen im prächtigen Jubiläumsband Waechter (zum 65. Geburtstag) überhaupt alle wieder, die wir schon lange ins Herz geschlossen haben. Wir sehen den Bären auf dem Siegertreppchen, der weiß Gott stark und schön ist und doch nur "Drittbester im Brummen". Und wer sie einmal geschaut, dem geht die Eule im Norwegerpullover nicht mehr aus dem Sinn. Wer so ein Wämschen trägt, der ist schon ein Geworfener, aus dem Paradies ins kalte Dasein, ein zwittriger Gast auf Erden. Der sieht, unten rum Natur und darüber ins enge, kratzige Maschenwerk der Zivilisation gepresst, nolens volens ziemlich komisch aus. Und ist doch stark und schön.

Waechters Tiere: Die Menschenliebe und das Zartgefühl kehren auf der Stelle zurück, wenn man sie ansieht, denn daraus sind sie ja ganz gemacht in ihrer privilegierten Unschuld, ihrem luftig gestrichelten oder getuschten Wesen. Sie mussten Härten erfahren, was der antike Chor und auch Grönemeyer sagt und singt: Leben ist unfair. Und es hat sie doch nicht hart gemacht. Aus ihrem Blick spricht Staunen, stille Klage und ein Wissen um die Torheit aller Lösungen, die immer ein Teil des Problems sein werden. "Heißt das nicht gegen das Leben streben, wenn wir’s auch noch mit Sinn erfüllen wollen?" Diesen immensen Gedanken hat sich ein kontemplativer Schimpanse auf ein Blatt notiert. Das ist natürlich komisch, wenn das Niedere so überraschend das Höhere ist. In der Pupille des Affen, der uns so idealisch spiegelt, glänzt, was so stark und schön auch an Waechter ist: der poetische Widerschein seines Humors.

Der Mensch, das Schwein? Nein

Das Grobianische des Menschen lässt Waechter lieber durch seinesgleichen verkörpern. Da gibt es schwere Trunkenbolde, die sich von winzigen Frauchen herumschleppen lassen ("Nicht so schräg, Schlampe, mein Schnaps rutscht"), und tüchtige Fresser, in die oben ganz "schön was rein" geht und unten ganz schön was rauskommt. Aber es sind keine lichtvollen Gedanken. Der Mensch in Ausübung seiner Geschäfte, seiner Macht und seines Gemächtes. Der Mensch, das Schwein? Nein. Bei Deix und Haderer vielleicht. Bei Waechter nicht.

Das Plumpe bleibt plump nicht, gemein nicht das Gemeine. Dem widerstrebt hier ein mozartscher Kunstverstand, der etwas genuin Daseinsfrohes ist und eine Form des Glücks. Das Hässliche erscheint ihm als eine Form des Missgeschicks. Daher gibt es bei Waechter wilde Slapsticks des Scheiterns, geschlechtliche und andere Ridikülitäten. Knisternde Bosheit, Streiche, Teufeliaden vom gutmütigen Geist und Zuschnitt des Pardon- Teufelchens, das Waechter schuf: Mütter quälen ihre Söhne, Männer ihre Frauen, Brüste ihre unstillbaren Liebhaber. Nie aber geschieht dies bei Waechter: dass Bilder das Auge ihres Betrachters quälen.

Wir wollen und müssen all diese Sachen getrost belachen, da wir sie wirklich besser nicht verstehen. Es gibt ja nur diese beiden Optionen: das Nichtverstehen, also die Rechthaberei. Und eben das bessere Nichtverstehen, das man "Humor" nennt: die gute innere Säftemischung oder Feuchtfröhlichkeit der Seele. Vis comica. Kraftquelle heiterer Selbstbehauptung im unsinnigen Dasein. Bei Waechter scheint die Mischung zu stimmen. Was da in ihm summt und die Fantastik in Gang setzt, ist wohl der Strom eines karnevalistischen Weltempfindens.

Wenn zügellose Einbildungskraft, wie Kant meinte, Unsinn produziert, dann kann man nur sagen: wie schön. Wie käme er auch sonst ans Licht. Friedrich Karl Waechter ist unter den Nonsens-Produzenten bestimmt einer der Zügellosesten. Ein ganzes Paralleluniversum des Absurd-Komischen hat er in vier Jahrzehnten aufs Papier gebracht. Parallel zu Gott, den der kleine Fritz einst in Gummistiefeln und mit Jägerhütchen malte (ein test of ridicule, den wenige der zirkulierenden Gottesbegriffe bestehen dürften). Wobei Waechter nicht ohne Ehrgeiz daran arbeitet, dass seine Welt der des Jägerhütchen-Mannes durchaus zum Verwechseln unähnlich ist. Flusspferde im Einmachglas. Der tanzende Vier-Nasen-Mann. Die tolle Blasphemie "Max Brod verbrennt Kafkas Werk". Die Klappstulle mit der Mettwurst, in die Mutter "wunderbare Verse" geritzt hat. So etwas gibt es nur bei Waechter. Das Wunderbare (schöner Kraftausdruck der Romantik) tritt hier gern ins gewöhnliche Leben. Man muss nur spielen und träumen. Waechter spielt mit allem: Logik, Kausalität, Schwerkraft, Erwartungen, Klischees, Zeichenstilen und -techniken. Von Grandville bis zu Steinberg, Topor, Sempé – da wird zitiert und parodiert, rekombiniert im Dienste und zum Lob des Unsinns in jeglicher Form, vom schlichten Mäuschenwitz bis zu sublimen sophistischen Späßen à la Daniil Charms: "Nacht für Nacht träumte sie, eine Henne läge unter ihrem Bett. Doch wenn sie aufwachte, war es genau umgekehrt."