Liebe in den Zeiten der Krise. Es ist Weihnachten, und keiner mag kaufen. Es ist bald ein neues Jahr, und alle haben Angst. Dem müssen wir etwas entgegensetzen, das Hoffnung gibt, scheinen sich die Schweizer gedacht zu haben, und versuchen mit vier Ausstellungen, dem sinnsuchenden Menschen Halt zu geben.

"Du musst doch gar keinen Begriff haben, wie überwältigend es ist, dich zu lieben und von Dir geliebt zu sein. Jedesmal, wenn ich deinen Brief in meiner Tasche rascheln höre, rollt ein siebenfaches polterndes Echo in meinem Herzen nach." Schreibt 1891 Ricarda an Richard Huch. Zeilen, nur für einen Menschen bestimmt, nun zugänglich für jeden. Innige, entblößende und entblödende Briefe im Züricher Museum Strauhof, hormonschwangere Zeilen vom 14. Jahrhundert bis in die Neuzeit, von Kafka, Goethe, Klopstock. Anlässe, sich über die unglaubliche Indiskretion zu wundern und zu denken: Ich muss unbedingt mein Tagebuch verbrennen.

Unverfänglicher geht es zur gleichen Zeit im Museum Rietberg zu. Unverhohlen offenherziger auch. Das wunderschöne Museum zeigt in drei Sammlungen: Liebeskunst, Krishna und Liebeszauber. Gemälde und Grafiken aus der ganzen Welt, vom Rokoko bis in die Neuzeit. Schier erdrückende Mengen an Zeichnungen, Gemälden, Akten und lüsternem Fleisch – und betäubt vom Intimen, Innigen, von Lust und Paarung, torkelt der Besucher wieder auf die Straße. Das Hirn schreit nach spiritueller Ergänzung. Der Körper sucht nach fötaler Umklammerung, es ist Winter, und der Museumsbesucher ist meist: allein. Das ist, was immer wieder Künstler inspiriert, Nichtkünstler in den Tod getrieben hat – die Sehnsucht und das Gefühl, sie nie stillen zu können. Denn die Einsamkeit beginnt, wo wir anfangen und nicht mehr ein Teil unserer Mutter sind. Eine Zeit lang tappen wir doof durch die Welt, Kindheit ist das, da Hirn und Gefühl sich nicht recht verständigen. Die finden erst in der Pubertät wieder zusammen. In der Zeit, in der die meisten die erste Liebe erleben. Die die romantischste ist, weil sie nur aus Illusion besteht. Die nichts will außer Auflösung. Ein Mädchen, ein Junge, egal, und wir wollten ihn/sie, und wussten gar nicht, was wir mit ihm/ihr wollten außer – nie mehr allein zu sein. Standen an offenen Fenstern und draußen Frühling und an den Wänden Pferdeposter, und was wir über Liebe wussten, ging so: Mit ihm auf einer Insel sein und ansehen, Tag und Nacht, und die kleinen Härchen am Arm berühren. Tag und Nacht. So Traum wie damals, als wir noch nicht wussten, was Liebe ist, wird Liebe nie mehr, nie mehr werden wir so unendlich sein. Die erste Liebe zerbricht, und der erste Liebeskummer kommt. Ach, wären wir doch gestorben, damals. Wir haben unsere Unschuld verloren und statt ihrer Ideen entwickelt. Wie Liebe sein müsste, die richtige Liebe. Denken wir, muss sein wie fliegen und sich die Sachen vom Leib reißen und sich nie mehr trennen und nicht mehr essen und nicht mehr schlafen und wild muss es sein und seelenverwandt und aufregend und verrückt und nachts tanzen im Regen und Hütchen tragen und 1000 Kilometer fahren nur für einen Kuss, der nie endet, und halten, halten, halten. Das ist die Idee, und sie meint: Eigentlich wollen wir zurück zu der Zeit, als wir eins mit der Mutter waren, Bedingungslosigkeit wollen wir, danach suchen wir und werden immer enttäuscht werden. Denn so ist es nie. Merken wir, alle zwei Jahre, wenn wieder ein Traum zerbricht, und der Schmerz wird weniger. Wir vertragen ihn nur kaum noch, weil wir doch nicht wissen, wie es gehen soll, weil wir ahnen, dass etwas falsch ist, und immer bleiben wir allein zurück, und unsere Knochen werden porös, und unsere Seele ist es schon. Wir sind nicht mehr jung und noch nicht alt, die furchtbarste Zeit im Leben, weil sie voller Sehnsucht nach einem Wunder ist, und das wird – ziemlich sicher – nicht eintreten.

Eigentlich hätten wir mit unserer ersten Liebe zusammenbleiben können. Die hundert Wiederholungen auslassen. Sex ist nur Sex, kann man lernen, feuchte Geschichte, ist doch egal, und Freundschaft wird mit der Zeit erst gut.

Immer schneller trennen wir uns, verlassen, werden verlassen. Leiden wird Routine, und fast ist das Leiden cool, weil, da geht was, da hat man was zu erzählen, da wird man bedauert und nimmt ein paar Kilo ab. Und alle reden von Lebensabschnittsgefährten und misstrauen der Unendlichkeit und sind unzufrieden, wenn sie einen haben zum Liebhaben, der kann’s doch nicht gewesen sein.

Neue Partner kann man kaufen an jeder Ecke. Überall sehen wir Liebe und Sex und Werbung und Filme und Models, und alle sehn toll aus und sind verfügbar, und warum dann an etwas hängen bleiben, das den Glanz verloren hat. Kaum mehr einer schaut in den Spiegel und sieht sich, wie er ist. Immer kürzer die Halbwertszeit von dem, was wir als Liebe bezeichnen, weil wir nicht wissen, wie man den Dreck sonst nennen soll.

Liebe ist, einen außer sich zu ertragen, sich mit einem anderen zu ertragen. Doch bis wir erkennen, was Liebe wirklich ist, sind wir meist schon tot. Denkt der Besucher des Liebeswahnmarathons und nimmt sich vielleicht vor, beim nächsten Mal alles anders zu machen. Briefe zu schreiben wie Kafka, zu verschmelzen wie Krishna. Und wenn Ausstellungen den Menschen irgendetwas denken lassen, dann haben sie ihren Zweck erfüllt. Doch dann geht er heim, der Mensch, da ist es Winter, da sind die Sorgen, und er wird den schönen, wilden Entschluss im Herzen wieder vergessen, und nur ein kleines Gefühl, das ist wie Hunger, wird ihn begleiten durch die dunkle Jahreszeit.