Der ganz andere, moderne Sozialdemokrat möchte er sein, aber auch der klassische, der die "alten Werte" gegen ihre Verächter verteidigt. Eine scharfe Feder gegen "die" Politiker führt er, und eine völlig renovierte SPD wünscht er natürlich auch. Sigmar Gabriel trumpft auf.

"Die Menschen", schreibt er, "erleben uns Politiker als übervorsichtige Verwalter und nicht als zupackende Gestalter. Wir sind es, die sich allzu oft mit der bescheidenen Modifikation bestehender Strukturen und Verhältnisse zufrieden geben." In dem Ton geht das weiter mit der Klage über die "hasenfüßige Ängstlichkeit" und "kraftlose Mutlosigkeit" der Politiker.

Schreibt der Politiker Gabriel. Was zur Vermutung verleitet, dass er nun selbst die große Alternative, die sehr viel Courage verlangt, entwirft.

Stattdessen findet man: jede Menge geläufiger sozialdemokratischer Prosa, gelegentlich im modernen Jargon. Oder große, anklagende Worte, vor allem wenn es sehr pauschal um seine Partei, die SPD, geht, die im "Blindflug" 1998 die Wahlen gewonnen habe und der es an einem Kompass fehle. Mut und Kompass also - als Beleg soll beispielsweise der Vorschlag dienen, junge Leute, die keinen Wehrdienst leisten, künftig ein "Arbeitsjahr" absolvieren zu lassen, auch wenn das "Nazi-Assoziationen" erwecke. Mut will er wohl auch zeigen, wenn er der SPD vorhält, aus Gründen politischer Korrektheit über Ausländer und Migration, über Korruption und Verwahrlosung, über Vandalismus und Verlust an innerer Sicherheit nicht offen zu sprechen. Konkret allerdings geht er nicht weiter als beispielsweise Otto Schily, der über die "Grenzen der Belastbarkeit", die mit unbegrenzter Zuwanderung erreicht würden, schon lange sehr flüssig redet. Und braucht es Mut, die Pisa-Studie einen Sputnik-Schock des 21. Jahrhunderts zu nennen, weil "die anderen besser sind als wir"? Die Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Politik, fordert Mr. Courage aus Hannover, dürfe nicht länger akzeptiert werden. Es sei normal geworden, dass Unternehmensvorstände Tausende von Jobs strichen, woraufhin die Börsenkurse stiegen, und danach prangerten die Chefvolkswirte die Geißel der Arbeitslosigkeit an. Richtig beobachtet. Aber was folgt daraus? Gabriels Schlussfolgerungen, was Bildung, Renten, Gesundheit oder Arbeitsmarkt angeht, bewegen sich insgesamt durchaus in vertrautem Rahmen. Er würde nicht alles anders machen als Schröder, aber ein bisschen besser. Die eigentliche Reform, schreibt er denn auch, sei ein "Kampf um die Köpfe und damit um die ,Seele' unseres Verfassungsverständnisses". Manchmal spricht er auch von einem "sozialdemokratischen Gesellschaftsbild". Oder von einer neuen wirtschaftlichen und sozialen "Leitkultur". Das sind selbstbewusste Worte eines selbstbewussten Politikers, der sich gern ein bisschen populistisch bei "den Menschen" unterhakt, die gegen "die Politiker" protestieren. Aber zu einem übergreifenden Konzept, von dem er gern spricht, bündelt sich das alles nicht. Kann es das überhaupt geben? Viel kommt in dem Buch nicht vor, oder allenfalls als Etikett: die ganze Welt, Norden und Süden, Osteuropa, Energie und Ökologie. Der Blick ist sehr niedersächsisch, wie denn auch sonst.

Zustimmen kann man Gabriel aber auf jeden Fall, wo er sich überzeugend gegen die modische Rhetorik von "Blut, Schweiß und Tränen" wehrt. Seine Forderung nach dem ganz großen Wurf, dem neuen Gesellschaftsbild à la Tony Blair konterkariert er also am Ende selbst mit der richtigen Beobachtung, mit Radikaloperationen lasse sich das Modell Deutschland nicht erneuern. Politik sei ein permanenter Umbauprozess. So ist es. Und in diesem Prozess zählt Gabriel zu denen, die selber noch suchen. Gunter Hofmann

Sigmar Gabriel: Mehr Politik wagen

Econ Verlag, München 2002