Berlin

Es ist neu, dass sich die CDU-Vorsitzende Angela Merkel zur "unangefochtenen Nummer eins" ihrer Partei erklärt. In ihren zweieinhalb Jahren an der Spitze der Partei hat sie kaum eine Phase erlebt, in der eine solche Behauptung nicht durch den bloßen Augenschein ad absurdum geführt worden wäre: Zu viele ambitionierte Rivalen kritisierten die Vorsitzende, wann immer sich die Gelegenheit bot. Nun, zehn Wochen nach der verlorenen Bundestagswahl, glaubte sich Angela Merkel sicher genug, im Spiegel ihre ungefährdete Stellung zu annocieren. Doch prompt kam Friedrich Merz, der fast schon vergessene Widersacher, seinerseits mit einem Interview auf den Markt - ein Zufall, der nicht wie Zufall wirkt.

Was der ehemalige Fraktionschef der Union in der Berliner Zeitung über seine Nachfolgerin zum Besten gab, ist der härteste öffentliche Angriff, den Merkel bislang von einem Parteifreund erfahren musste. Und schlimmer: Selbst Merkel-Freunde bezweifeln nicht, dass der tief verletzte Merz mit seiner Kritik ins Schwarze trifft. Intrigant, unsolidarisch, in erster Linie an der eigenen Machtposition interessiert - das ist das Bild, das Merz von ihr zeichnet. Angela Merkel hat zwar äußerlich gelassen auf die Attacke reagiert, aber sie weiß, dass dieser Angriff nicht ohne Folgen für sie bleiben wird.

Das gilt auch, wenn Merz selbst nach seinem Sturz als Fraktionsvorsitzender nicht mehr die Rolle eines aussichtsreichen Merkel-Rivalen spielen wird.

Der einzige ernsthafte Rivale der Vorsitzenden sitzt in Wiesbaden und hat dort selbst gerade alle Hände voll zu tun, Wogen zu glätten. Ausgerechnet Roland Koch hatte in der vergangenen Woche die Praxis des ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, Namen und Vermögen reicher deutscher Familien auf Streikkundgebungen zu nennen, mit der Stigmatisierung der Juden während des Nationalsozialismus verglichen. Zwar folgte dem unzulässigen Vergleich die sofortige Entschuldigung. Dennoch konnte der als scharfer Polarisierer bekannte Koch den Verdacht nicht zerstreuen, er habe den Vergleich mit dem Judenstern kühlen Kopfes gezogen, um die innenpolitische Debatte anzuheizen und seine Wahlaussichten am 2. Februar zu verbessern.

Fähig, aber nicht sympathisch

Doch seine Aussichten bei den Landtagswahlen sind ohnedies denkbar günstig.