Die akustische Warnanlage heult. Der Besuch aus Deutschland hat sich aus Versehen selbst in der Tiefkühlhalle eingesperrt. Die Kälte ist schneidend, schon bilden sich Eiskristalle auf der Kleidung, leichte Panik steigt auf. Preben Qvist-Sørensen aber behält die Nerven, drückt einen Knopf hier und einen dort. "Augenblick mal", sagt er schließlich – und schiebt mit ganzer Körperkraft die schweren Tore auseinander, die sich eigentlich nur automatisch öffnen lassen.

Das pragmatische Vorgehen ist typisch für den Herrn über das Großmarktlager in Horsens in der Nähe von Århus, in dessen Hallen sich Wein, Obst oder Pampers stapeln. Als Geschäftsführer des dänischen Edeka-Großhandels gehört Preben Qvist-Sørensen seit zehn Jahren zum Top-Management – doch wenn es sein muss, setzt sich der 57-Jährige auch auf einen Gabelstapler und verfrachtet die Ware höchstpersönlich. Ebenso pragmatisch war seine Reaktion, als er vom tragischen Mangel an transplantierbaren Spenderorganen erfuhr: Vor anderthalb Jahren startete Qvist-Sørensen die größte Kampagne zu Organspenden, die es in Dänemark je gab. Seither übertrifft die Initiative "livet som gave" ("Das Leben als Geschenk") alle Erwartungen.

Zuvor war das Thema Organspende in Dänemark ähnlich tabu wie überall in Europa: Im Prinzip halten viele das für eine gute Sache, geht es jedoch an die eigenen Nieren, wird den meisten Menschen mulmig. Selbst im Familienkreis wird darüber kaum geredet. Nur wenige melden sich als Spender. Und die Angehörigen, die im Fall eines plötzlichen Todes entscheiden müssen, ob sie die Organe eines Familienmitglieds zur Verfügung stellen wollen, lehnen das unter dem ersten Schock meist ab – mit der Folge, dass in Dänemark inzwischen an die 700 Menschen auf ein Organ warten.

Preben Qvist-Sørensen wurde damit konfrontiert, als eine enge Freundin schwer nierenkrank wurde. Seit drei Jahren hängt sie an der Dialyse, braucht eine Maschine, um zu überleben – eine tägliche Tortur, von der sie nur eine Spenderniere befreien kann. Dann las der Edeka-Geschäftsführer in der Zeitung von einer alarmierenden Studie: 74 Prozent der Dänen wären zur Organspende bereit, doch nur 6 Prozent seien als Spender eingetragen, hieß es da. Qvist-Sørensen war sofort entschlossen, wollte etwas tun. Er diskutierte mit Freunden. Schließlich kam ihm eine Idee: "Wir senden eine Broschüre an jeden dänischen Haushalt!" Nicht umsonst war er früher im Versandhandel tätig gewesen. Und als Geschäftsmann verfügte er über gute Kontakte. Also hob er mit drei Gleichgesinnten die Initiative livet som gave aus der Taufe, verschickte millionenfach Broschüren, schaltete Anzeigen in Zeitungen und entwarf einen Fernsehspot.

Nun tritt Pamela Ingemann im Fernsehen auf. "Ich hatte nur noch ein Jahr zu leben", erzählt die ehemals Lungenkranke, "ich wollte nicht sterben, solange meine beiden Kinder noch klein sind." Wenig später sehen wir sie bei Sonnenschein mit ihrer Familie im Garten sitzen; sie lächelt in die Kamera. Die Spende eines Lungenflügels rettete ihr Leben. Seit der Transplantation sind nunmehr neun Jahre vergangen. "Fast jeden Tag denke ich an die Spenderfamilie", sagt Ingemann.

Preben Qvist-Sørensen hat inzwischen einige Angehörige kennen gelernt, die angesichts solcher Schicksale ihr Nein zu einer Organentnahme später bereut haben. Ohnehin findet der Däne: "Die Menschen sollen selbst entscheiden, ob sie Organe spenden oder nicht – und das nicht ihrer Familie überlassen." Doch er achtet sorgfältig darauf, niemanden unter moralischen Druck zu setzen. Vielmehr will er deutlich machen: "Ich bin nicht besser als du, und ich weiß nicht besser als du, was zu tun ist."

So heißt es in der Broschüre, die im September jedem dänischen Bürger ins Haus flatterte: "Es ist keine Schande, Nein zur Organspende zu sagen." Und der Text fährt fort: "Es ist jedoch eine Schande, wenn Sie eigentlich hätten Ja sagen wollen – und es nie dazu kommt." Als Absender der Broschüre treten Menschen aus allen Gesellschaftsbereichen auf: Gewerkschafter und Arbeitgeber, Geschäftsleute und Politiker, ein Vertreter des Militärs, Sportler, ein Entertainer und der Chef der Oper. Außerdem wird das Schicksal von Menschen erzählt, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema konfrontiert wurden – entweder als Spender, als Wartende oder als Angehörige.

Die Botschaft, scheint es, ist angekommen. Die Zahl der Einträge in das dänische Transplantationsregister betrug vor der Kampagne 275000. Innerhalb weniger Wochen kamen 135000 dazu. Und noch immer lassen sich etwa 1000 Menschen pro Tag registrieren. "Die Reaktionen waren sehr positiv", sagt Qvist-Sørensen.