In Hamburg zeigt das Bucerius Kunst Forum "Picasso und die Mythen"

Picasso und die Frauen, Picasso und die Kinder, Picasso und der Tod, Picasso und der Krieg, Picasso, der Maler, der Plastiker, der Zeichner, der Grafiker: Kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts ist so viel ausgestellt, so extensiv publiziert und kommentiert worden. Wenn jetzt das Bucerius Kunst Forum, getragen von der ZEIT -Stiftung, seine Eröffnung mit einer Ausstellung Picasso und die Mythen feiert, dann stellt sich Verwunderung ein. Denn Picassos Werk wurde in fast jeder Phase von Mythen animiert oder geprägt. Man stellt sich also eine gigantische Schau vor; die Räume des Kunst Forums in einem alten Bankgebäude neben Hamburgs Rathaus sind aber nur 700 Quadratmeter groß.

Der notwendige Mut zur Beschränkung erweist sich als die Qualität der Ausstellung. Die dezent prächtige alte Eingangshalle der Bank, ein überglastes Atrium mit umlaufenden Räumen, eignet sich nicht für ein Durchdeklinieren aller Kulturen, die Picasso fasziniert haben und deren er sich bedient hat, also vor allem der griechischen, iberischen und der afrikanischen. Stattdessen hat der Gastkurator Steingrim Laursen einige der großen Themen anklingen lassen: den Minotaurus, die Frau, den Bildhauer und sein Modell, Figuren am Strand. In kleineren oder größeren Sequenzen sind sie um die Ausstellungsmitte und im Dialog zu ihr arrangiert.

Blickfang und Zentrum ist ein rundes Podest, auf dem eine Hand voll mittelgroßer Bronzeskulpturen steht. In der Mitte und erhöht der Kopf eines Kriegers, darum herum Der Hahn,Frauenbüste,Kentaur,Stier,Metamorphose. Metamorphose ist das Stichwort, ist das Element der Begegnung von Mythos und Gegenwart. Die Frau ist eine Ansammlung von archaischen Schwellkörpern, der Kriegerkopf ein Hahn mit Knollennase, der mannhafte Kentaur ohnehin eine Doppelerscheinung.

Für den Spanier und bekennenden Macho Pablo Picasso aber war der Stier der Fixpunkt der Mythen und die präferierte andere Identität. Der Minotaurus, Ergebnis eines sorgfältig vorbreiteten Seitensprungs der kretischen Königin Pasiphae mit einem Stier, ist der Anfang aller Männlichkeitssagen. Picasso hat ihn nicht nur immer wieder zitiert, sondern spielt selber auch mit der Doppelrolle von Mann und Stier, mal heiter, mal aggressiv. Und dass der Mythos der Vorzeit sich auch seine Bestätigung auf der Straße im 20. Jahrhundert holen kann, zeigt der berühmte Stierschädel von 1942, bei dem Picasso den Sattel und die Lenkstange eines Fahrrades so montierte, dass in der Tat die Silhouette eines Stierkopfes sichtbar wird.

Man kann dieses Werk, das wie ein Kürzel wirkt für Picassos stupenden Blick und Zugriff auf die Kunst, als Höhepunkt der Ausstellung sehen. Man kann aber auch eine stillere Sensation entdecken, die auf einer weißen Tonplatte eingeritzte Umrissfigur des in sich und das Spiel versunkenen Aulos-Spielers (1954/55), der bisher weder publiziert noch ausgestellt wurde. Diese poetische Großzeichnung auf Ton markiert eine zweite Qualität der Ausstellung: Rund ein Drittel der circa 170 Bilder, Skulpturen, Grafiken und Keramikarbeiten, kommen aus privaten oder entlegenen Sammlungen und waren in den üblichen Ausstellungszirkeln wenig oder gar nicht zu sehen, sind Kabinettstücke eigener Art.

In seiner geistreichen Studie Picassos Stiere oder die Kunstgeschichte von hinten bringt der amerikanische Kunsthistoriker Irving Lavin, der auch am Katalog beteiligt ist, das Thema der Ausstellung auf einen knappen, schlüssigen Nenner: "Die Geschichte der Kunst", so schreibt Lavin, "führt also zu einer Kunst ohne Geschichte, die durch Austreibung der Vergangenheit das Magische, Fetischhafte – wenn man will auch das Irrlichternde – unseres gemeinsamen Menschseins entdecken beziehungsweise wiederentdecken will."