Der letzte Freitag hat in Polen eine neue Zeitrechnung eingeleitet und ein Trauma ausgelöscht. Vor genau 21 Jahren, am 13. Dezember 1981, wurde mit der Ausrufung des Kriegszustandes durch General Jaruzelski und der Internierung der führenden Solidarnoc-Politiker der Wunschtraum der meisten Polen von einer "Rückkehr nach Europa" zerschlagen. Nun, am 13. Dezember 2002, haben ausgerechnet Postkommunisten in einem dramatischen Pokerspiel auf dem EU-Gipfel in Kopenhagen diesen Traum verwirklicht, die Verhandlungen abgeschlossen und dabei sogar einen finanziellen und psychologischen Mehrwert herausgeschlagen. Das Psychodrama war perfekt: Spannung wie in einem Krimi und dann eine gewaltige Erleichterung - Polen "ist drin". Laut einer Blitzumfrage unter den Fernsehzuschauern nach der Rede des Ministerpräsidenten Leszek Miller schnellte die Befürwortung des Beitritts auf 72 Prozent hoch.

In den Medien wurden auch sofort recht pathetische Akzente gesetzt. Die EU-Mitgliedschaft Polens bedeute nicht nur die endgültige Aufhebung der Spaltung Europas nach Jalta, sondern sie sei geradezu mit der Christianisierung Polens durch Rom vor über tausend Jahren zu vergleichen, konnte man hören. Die Gazeta Wyborcza verglich diesen 13. Dezember 2002 mit dem 3. Mai 1791, an dem Polen sich eine Konstitution gab - übrigens die erste schriftliche Verfassung in Europa -, die allerdings sogleich von Russland und Preußen gewaltsam zerstört wurde. Darüber hinaus druckte die Zeitung in den hauseigenen Solidarnoc-Lettern den Titel Die Union ist unser, in Anlehnung an die Parole aus dem Kriegszustand: "Der Winter gehört euch (Kommunisten), der Frühling ist unser." Nun ist er da, mitten im Winter. Und die EU vereinigt endgültig die Gegner von damals. Die "Europäer" aus beiden Lagern feiern gemeinsam, und die Antieuropäer aus beiden Lagern grübeln jeder für sich, ob und inwieweit sie gegen den Beitritt frontal angehen sollten.

Denn das Ganze ist noch nicht endgültig entschieden. Voraussichtlich am 8.

Juni müssen die Polen in einem Referendum die Ergebnisse von Kopenhagen bestätigen. Und trotz der Euphorie nach dem nächtlichen Erfolg und den guten Meinungsumfragen hätten die polnischen Europäer - meint Leszek Miller - ihre Ernte noch nicht eingefahren.

Diese Tage genießen die Polen noch unter sich und mit ihren zuverlässigsten Freunden, zu denen - Miller zufolge - auf jeden Fall der deutsche Bundeskanzler und der dänische Ministerpräsident gehörten, während die Kontakte zu den Franzosen "auf niedrigerer Ebene" stattfanden. Der harte polnische Poker habe auch zu Missstimmungen mit Tschechien, der Slowakei und Ungarn geführt, weil sie in manchen Bereichen früher klein beigegeben hätten

in anderen werden sie aber durchaus vom polnischen Erfolg profitieren.

Was allerdings beim Jubel noch zu kurz kommt, ist die Debatte über die Zukunft der EU, ob die Türkei dazu gehören und wie die innere Verfassung der "Vereinigten Staaten von Europa" aussehen soll. Sicherlich nicht so wie die der USA, meint Leszek Miller. Doch wie dann, darüber werden die Polen erst jetzt intensiver diskutieren.