Es waren die Toiletten, die den letzten Anstoß gaben. Der Einbau von neuen Waschbecken, Kloschüsseln und Rohren, von Spiegeln und Seifenspendern, der am Ende neun Monate dauerte. Peter Strieder, gerade erneut ins Amt des Senators für Stadtentwicklung, Bauen, Umweltschutz und Verkehr der Stadt Berlin berufen, hatte sein Büro gegenüber einer Baustelle. Beobachtete tagaus, tagein das Treiben, hörte den Lärm. Und fragte sich: Ist das die Rolle des Staates? Toiletten bauen?

Damals, am Anfang des Jahres 2000, war Strieders Senatsbauverwaltung eine für deutsche Verhältnisse ganz normale Behörde. Eine, wie sie Dutzende deutsche Kommunen haben. Rund 900 Beamte, Angestellte und Arbeiter im Hoch- und Tiefbau, zuständig für Brücken und Tunnel, für Autobahnen, Theater und Museen, für Stadien und Gefängnisse. Eine, die nicht selbst baute, aber ansonsten fast alles selbst machte: mit Architekten und technischen Zeichern, mit Statikern, Ingenieuren und Bauleitern. Alle vom Staat bezahlt, fast alle praktisch unkündbar.

Heute, am Ende des Jahres 2002, ist Strieders Bauverwaltung eine Behörde in mittlerem Aufruhr. Abgesandte der Unternehmensberatung Roland Berger waren in den vergangenen 18 Monaten zu Gast, notierten, kritisierten, diskutierten. "Nicht zaghaft rangehen, sparen, unternehmerisch denken", hatte ihnen Strieder zum Auftrag gegeben. Das taten sie. Im Jahr 2007 wird Berlins Bauverwaltung nur noch 500 Beschäftigte haben. Architekten werden nicht mehr zeichnen, Statiker nicht mehr rechnen, Bauleiter nicht mehr beaufsichtigen. Was einst die Behörde leistete, sollen dann Private tun. "Nötig war’s", sagt Strieder.

Tarifstreit: Die Beamten sollen Sonderopfer bringen

Nötig ist es überall: das weitere Nachdenken darüber, was in Deutschland der Staat tun sollte und was besser nicht. Was wie in der Hauptstadt abgeschafft, ausgelagert, an Private übergeben werden kann. Welche Behörden, Verwaltungen, Ämter, welche Vorschriften, Regularien, Gesetze die Deutschen wirklich brauchen. Wozu man Beamte benötigt, wie viele öffentliche Angestellte entbehrlich sind und wie viele öffentliche Arbeiter. Wie der Staat effizienter wird, besser, bürgernäher – und natürlich: billiger.

Diskutiert wird darüber seit mehr als einem Jahrzehnt. Darum geht es, wenn in diesen Tagen die Tarifpartner des öffentlichen Dienstes über höhere Löhne und Gehälter streiten und wenn Landeschefs dabei mit Sonderopfern für Beamte oder Bürgermeister und Minister mit betriebsbedingten Kündigungen in ihren Ämtern drohen. Wolfgang Clement, der Bundeswirtschaftsminister, beklagte sich jüngst in einem Interview, dass "der Staat seine Mittel nicht immer vernünftig einsetzt". Dass "Verbeamtung" und "Bürokratisierung" in Deutschland weitergingen – "fast ungebremst".

Allein 55 Milliarden Euro könnten jedes Jahr gespart werden, wenn der öffentliche Dienst schlanker und besser organisiert sei, errechnete Jobst Fiedler, vormals Oberstadtdirektor in Hannover und heute Experte bei Roland Berger, schon 1997. Wenig später befanden Fachleute in der Forschungsabteilung der Deutschen Bank, dass 80 Prozent aller kommunalen Leistungen privatisierbar sind. Landauf, landab brüteten in den vergangenen Jahren Kommissionen über Staatsabbau und Entbürokratisierung. Geschehen aber, meint Jobst Fiedler in seinem Hamburger Büro, "ist wenig. Erschreckend wenig."

Der Berater hat Recht – und auch wieder nicht. An vielen Orten der Republik, nicht nur bei Peter Strieder in Berlin, blühen zarte Reform-Pflänzchen, mitunter haben sie kräftige Wurzeln geschlagen. Mindestens ebenso weit verbreitet allerdings ist reformerisches Brachland. Zunächst der Blick auf das große Ganze, die Statistik: 1990 gab es mehr als sechs Millionen vom Staat bezahlte Beamte, Angestellte und Arbeiter. Im Jahr 2001 waren es noch 4,8 Millionen. Selbst wenn man die Privatisierungsfolgen bei Bahn und Post herausrechnet, standen seit Mitte der neunziger Jahre jährlich fast 100000 Menschen weniger auf den Lohn- und Gehaltslisten von Bund, Ländern und Gemeinden. Immerhin.