Jörg Friedrichs Buch über den alliierten Bombenkrieg entwickelt sich zum Verkaufsschlager im Weihnachtsgeschäft. Ein Grund für den Erfolg ist zweifellos die suggestive, eher literarische als wissenschaftliche Art der Darstellung. Martin Walser nannte das Werk im Magazin Focus ein Epos von seltener Eindringlichkeit.

In das Lob für die Kunst des Autors, die Schrecken der Bombennächte in Erinnerung zu rufen, mischen sich freilich auch vertraute ideologische Töne: Endlich, so heißt es, sei das von den linken Tugendwächtern der 68er-Generation über das Thema verhängte Schweigegebot durchbrochen worden. Endlich sei es möglich, auch der deutschen Opfer des Krieges unbefangen zu gedenken. "Wir haben geschwiegen, jetzt müssen wir reden", überschrieb die FAZ einen Erinnerungsbericht des Germanisten Peter Wapnewski über einen Bombenangriff auf Berlin im Januar 1944.

Bevor hier eine neue, abstruse Geschichtslegende entsteht, sei mit aller Deutlichkeit gesagt: Der Bombenkrieg war, wie auch die Vertreibung, nie ein Tabu. Im Gegenteil, über kein Thema ist nach 1945 so viel geredet worden. "Ach, wie wir gelitten haben. Die Bomben. Wir haben wochenlang im Keller gelebt", hörte die amerikanische Korrespondentin Martha Gellhorn bereits im April 1945 als stereotype Klage der Besiegten.

Über die Ermordung der Juden und die Leiden der Völker in den von Hitlers Wehrmacht besetzten Ländern senkte sich hingegen ein eiserner Vorhang des Schweigens. Auch gutwillige Deutsche, beobachtete der Schriftsteller Arthur Koestler 1953, reagierten, wenn die Rede auf Auschwitz und Belsen komme, mit "dem gekränkten Gesichtsausdruck einer viktorianischen Lady, in deren Gegenwart man das anstößige Wort ,Geschlecht‘ erwähnt hat… Über solche Dinge redet man einfach nicht, und damit punktum."

Dass Deutschland erst heute, im Jahr 2002, seine Leiden entdecke – so Berthold Seewald in der Welt –, ist also blanker Unfug. Die Erinnerung an Bombenkrieg und Vertreibung blieb, mit unterschiedlicher Intensität, immer präsent. Friedrichs Buch selbst ist dafür ein eindrucksvoller Beleg, denn es stützt sich in erster Linie auf eine Vielzahl längst veröffentlichter Chroniken und Augenzeugenberichte.

Das Gedenken an den Holocaust setzte sich dagegen erst quälend langsam durch. Es sagt doch alles, dass sich für Raul Hilbergs großes Werk Die Vernichtung der europäischen Juden (1961) jahrzehntelang kein deutscher Verlag interessierte.