Dunkelheit ist ein Mangel an Licht. Das wusste schon Lichtenberg. Auch Goethe machte eine entsprechende Bemerkung (am 20. März 1834). Was in all den Jahren danach geschah, ist mit dem Drang nach Süden nur unzulänglich beschrieben. Sicher, die blühenden Zitronen, die Toskana und der Chiantiwein wurden immer wieder als Ursache der großen Völkerwanderung angegeben. Aber es war zweifellos die Helligkeit, welche die Bewohner des dunklen Nordens über die Alpen lockte. Bloß dass es auch da unten manchmal ganz schön finster war: Wenn sich Cheops zu seiner Speisekammer tastete, hatte er vermutlich ein Öllämpchen in der Hand.

In meinem Weinkeller brennt das Licht auch nicht zuverlässig (Stromausfall, Kabelmarder). Sogar mit einem Monstrum von High-Tech-Taschenlampe gelingt es mir kaum, die Namen der Weingüter zu identifizieren, von den Prädikatsbezeichnungen ganz zu schweigen. Was manchmal auch daran liegt, dass die Schnecken die Etiketten auf den Flaschen benagt haben. Schnecken schrecken vor nichts zurück.

Sie sitzen sogar auf Amphoren, wenn diese in 30 Meter Tiefe auf dem Meeresboden liegen, wie ich bei meinen Tiefseeexpeditionen feststellen konnte. Außerdem entdeckte ich, dass es da unten dunkel ist. Mit den Worten "Ist mir zu duster da unten", beendete ich an Bord einer Schaluppe meine Laufbahn als Tiefseetaucher, indem ich den Gummianzug auszog und ihn mitsamt der Stahlflasche über Bord warf.

Man wird sich nicht wundern, dass Schnecken mir wenig bedeuten. Jedenfalls nicht in ihrer burgundischen Zubereitung, bei der sie in heißer Butter schwimmen. Und schon gar nicht mit vergoldeten Schneckenhäusern. Ein Leser möchte zum 1582. Geburtstag der Stadt Venedig ein Schneckengericht mit vergoldeten Häusern auftischen und fragte mich nach einem passenden Leim für das Blattgold. Natürlich kenne ich mich beim Leim nicht aus, wundere mich aber über die Schneckenhäuser. Nach meinen Informationen ist das Stadtwappen von Venedig nicht die Schnecke, sondern der Löwe. Dass der Leser keine Löwen vergolden will, ist verständlich. Trotzdem bleibt, wie so oft bei Leserpost, ein geheimnisvoller Rest. Als Erklärung bietet sich die Erkenntnis an, dass das Auge mitisst. Das ist okay, solange es sich um Schnecken handelt. Wenn aber Löwen mitessen, sieht die Sache anders aus.

Wenn man überhaupt was sieht. Die winterliche Dunkelheit ist hinderlich nicht nur beim Schneckensammeln. Auch beim Lesen der Speisekarte im Restaurant tritt sie auf, meistens sogar unabhängig von der Jahreszeit. Dort ist sie nämlich hausgemacht.

Es begann in New York in den siebziger Jahren. Ich aß im Elaine’s, weil dort alle aßen, die man damals die beautiful people nannte. Das Essen war uninteressant wie überall, wo das Interessanteste an einem Restaurant geliftete Blondinen und ihre Sponsoren sind. Wahrscheinlich hatte ich überhaupt nicht gesehen, was ich da aß. Denn als der Kellner die Rechnung brachte, hatte er eine Taschenlampe dabei, damit ich lesen konnte, wie viel ich hier einschließlich City-Tax und anderer Sorten von Steuern zu berappen hatte. Es war der Beginn der gastronomischen Dunkelheit (und der indirekten Steuern), die sich von New York aus über den ganzen Erdball verbreitete und ihrer winterlichen Schwester den Rang ablief.

Ich schätze, dass von zehn deutschen Restaurants mehr als die Hälfte (sechs bis acht) ihre Lampen so gedimmt haben, dass alles, was eigentlich weiß aussehen soll, grau wirkt. Also die Perlen der Damen, ihre perlweißen Zähne und die Hemdkragen der Männer. Nicht von ungefähr bestimmen dunkle Hemden die derzeitige Herrenmode. Die sind ideal für Restaurantbesuche, weil, anders als bei weißen Hemden, niemand erkennen kann, dass sie schon den dritten Tag im Einsatz sind.

Ein Sechsertisch und nur eine Kerze in der Mitte. Aus Sparsamkeit?

Nun liegen nicht nur deutsche Restaurants im Dunkeln, auch die Herkunft von Parteispenden liegt dort neben der Vaterschaft von Klein-Elvira und Frau Hoffmann. Frau Hoffmann liegt eigentlich immer irgendwo herum, weil Katzen nicht an Schlaflosigkeit leiden. Ihr ist der Grad der Dunkelheit egal. Im Sommer, wenn sie die Ferien in der Provence verbringt, legt sie schon mal eine Pfote über die Augen, woran wir erkennen, dass ihr die helle Sonne lästig ist. Wahrscheinlich wäre sie als Wirtin auch eine von den Stromsparern, die einem Sechsertisch in ihrer Kneipe gerade mal eine Kerze zugestehen.

Manche Wirte – soviel ich weiß, gab es den ersten in Köln, und seit kurzem gibt es auch einen in Berlin – praktizieren eine Zero-Light-Formel: Sie muten ihren Gästen zu, in totaler Finsternis zu essen. Die Lokale heißen dann Unsicht-Bar und ähnlich. Da treffen Sadisten auf Masochisten wie in alten Zeiten, als Orpheus in der Unterwelt herumpütscherte, wo bekanntlich erst seit der Übernahme durch einen christlichen Investor ein Feuer brennt.